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Bild1 Schöttelkarspitze - Auf König Ludwigs Spuren
Ein Bericht von Wilfried Matthies

360o - Welch überwältigendes Panorama bei herrlichstem Bergwetter!
Wir stehen an einem der schönsten Aussichtspunkte im bayrischen Karwendel, dem Gipfelkreuz der Schöttelkarspitze. Um uns herum, bis hinein in die majestätische Bergwelt der österreichischen Kalkalpen, grüßen im Osten und Süden zahlreiche Gipfel dieser eindrucksvollen Gebirgsgruppe. Im Westen erhebt sich das Ester- und Wettersteingebirge mit Krottenkopf und Zugspitze. Nordseitig glänzen Walchen-, Kochel- und Starnberger See malerisch im Sonnenlicht.
Urlaub im Werdenfelser Land ist einfach ein Hochgenuss. Ich bevorzuge die Gastfreundschaft der liebenswerten Ortschaft Krün. Von hier aus kann man im Nu auf kurzem Wege ungezählte Aktivitäten starten und kreuz und quer seinen Passionen nachgehen: Bergsteigen im Karwendel oder Zugspitzgebiet, Wanderungen durch spektakuläre Klammen, Entspannen an zahlreichen Badeseen, den Kieselbänken der jungen Isar oder nur entschleunigtes Flanieren in den Gassen von Mittenwald und Partenkirchen mit ihren historischen Häusern, verziert mit beindruckend kunstvoller Lüftlmalerei.
Bild2 Heute jedoch steht die Schöttelkarspitze auf dem Plan, ein Berg mit einem augenfälligen, pyramidenartigen Gipfel in der Soierngruppe. Für den Aufstieg zu diesem reizvollen Ziel benötigt man schon eine recht gute Kondition. Doch alle Mühe wird auf Schritt und Tritt mit einer wechselnden und atemberaubenden Landschaft belohnt. Am frühen Vormittag überschreite ich mit Yeti, meiner vierbeinigen Begleitung, die Isarbrücke in Krün (870 m) auf dem Weg zur Schöttelkarspitze. Der Wegweiser zeigt einen fast sechsstündigen Aufstieg zum Gipfel an. Auf geht´s!
Bild3 Auf dicht bewaldetem und schon relativ steilem Pfad geht es zunächst in Richtung Schwarzkopf. Kurz zuvor und unbedingt lohnenswert ist rechter Hand ein kleiner Abstecher mit eindrucksvollem Tiefblick auf das zu Tal stürzende Wasser der tosenden Hüttlebachklamm.
Die Sitzbank am Schwarzkopf (1.140 m) lädt zu einer ersten Pause mit fantastischem Blick auf das dominierende Wettersteinmassiv ein. Frisch erholt biegen wir rechts ab, kraxeln peu à peu abwechselnd durch Wald und über moosige Lichtungen weiter bergauf und erreichen nach einer weiteren Dreiviertelstunde eine längere Querung, in deren Verlauf in leichtem Auf und Ab einige rutschige Bachrinnen zu passieren sind.
Weiter aufwärts führt der teilweise durch Murenabgang ausgesetzte Weg über Geröll und stark bewurzelten Waldboden zur Verzweigung am Felsenhüttl (1.570 m). Nur einen Steinwurf entfernt zeigt sich vom Felsenköpfl (1702 m) über das Schöttelkar eine kleine Gruppe Gamswild, die uns aufmerksam beäugt.
Und dann erscheint plötzlich die fotogene Stufenpyramide der Schöttelkarspitze. Ich bin begeistert, die Motivation steigt. Über Seinskopf (1.961 m) und Feldernkreuz (2.048 m) weiter dem exponierten Gratverlauf folgend, erreicht man durch schrofiges Gebiet nach einem fast vierstündigen Aufstieg das Gipfelkreuz (2.050 m). Am blauen Himmel treiben nur wenige Wolken. Die Sonne wärmt, und es ist absolut windstill. Bis zum Horizont reihen sich Gipfel an Gipfel - überwältigend!
Bild4 Hier oben thronte einst "Belvedere", ein kleiner Pavillon, den Ludwig II. König von Bayern als Aussichtspunkt erbauen ließ, um sich in aller Abgeschiedenheit an der wunderbaren Bergwelt zu ergötzen.
Im Anschluss einer wahrlich verdienten und genussvollen Atempause überschreiten wir den Berg und steigen in engen Serpentinen abwärts Richtung Soiernhaus mit grandiosem Blick auf den Soiernkessel und seinen smaragdgrünen, in der Sonne funkelnden Seen. Es heißt, dass der Monarch dort des Nachts in seinem schwarzen Drachenboot "Tristan", das von den Lakaien mühsam auf über 1.500 m heraufgetragen wurde, über einen der Seen segelte und sich an einem, eigens für ihn ausgerichteten Feuerwerk, erfreute. Der Ort war darüber hinaus Quelle einer letztlich doch nicht verwirklichten Inspiration, Richard Wagners Rheingold vor dieser so malerischen Kulisse aufzuführen.
Bild5 Das ursprüngliche Soiernhaus wurde um Anno 1866 im Auftrage des menschenscheuen Monarchen erbaut. Das heutige Obere Soiernhaus wird in den Sommermonaten von der Sektion Hochland des Alpenvereins bewirtschaftet.
Nach einer leckeren und wohltuenden Stärkung auf der sonnigen Terrasse der Berghütte ist noch ein etwa zehn Kilometer langer Rückweg zu absolvieren. Schon wenige Höhenmeter unterhalb des Soiernhauses entscheidet sich mein Hund spontan für die kurzweilige Abstiegsvariante über den Lakaiensteig. Diese Abkürzung wurde - in umgekehrter Richtung - einst auch von Ludwigs Dienern bevorzugt, um rechtzeitig vor dem König an dessen Refugien anzukommen. Bild6 Der mehrfach ausgesetzte Pfad eröffnet dem Wanderer einen abwechslungsreichen, teils gut versicherten An- und Abstieg. Das Begehen entlang der nicht zu unterschätzenden Abgründe sowie das Passieren einiger Leiterpassagen setzen unbedingte Trittsicherheit und Schwindelfreiheit voraus. Das oft lockere Geröll ist heimtückisch. Wer hier ins Rutschen gerät, stürzt ungebremst etliche Meter in die Tiefe.
Bild7 In ständigem Auf und Ab entlang der Bergflanke überqueren wir zahlreiche Bachläufe und gelangen unversehrt nahe der Fischbachalm (1.402 m) in sicheres Terrain. Ab hier folgt man dem bewaldeten Forstweg, der im Vergleich zu den heute eingefangenen Impressionen etwas langweilig erscheint. Vorbeiradelnde Mountainbiker zeigen uns, wie man den restlichen Abstieg rasant in nur wenigen Minuten bewerkstelligen kann.
Nach insgesamt fast 7 Stunden erreichen auch wir recht ausgepumpt den Ausgangspunkt an der Isar. Schnell raus aus den Wanderstiefeln. Die von der Rundtour ziemlich müden und erholungsbedürftigen Füße erhalten jetzt erst einmal eine erquickende Erfrischung im eiskalten Flussbett, sodass alle Anstrengungen recht schnell vergessen sind. Ein wenig später düster herannahendes Gewitter bestätigt uns, dass wir heute wohl alles richtig gemacht haben. Ein erfüllter, erlebnisreicher Tag geht zu Ende.