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Chilkoot Der Chilkoot Trail in Alaska
Auf den Spuren des Goldrausches von 1893

Ein Bericht von Günter Müller, Sektion Lübeck

"Wenn Sie in dieses Gebiet wollen, empfehlen wir Ihnen ein Gewehr vom Kaliber 30.06 mitzubringen. Machen Sie ständig Geräusche, nur dann sind Sie sicher vor den Bären." So hatte mich Kathleen Wilkens von der Forstverwaltung in Whitehorse, Yukon Territory, gewarnt. Eigentlich wollte ich nur den Weg der Abenteurer des Goldrausches von 1897 nachgehen, nachempfinden die Beschwernisse der Goldsucher, einen Jugendtraum erfüllen. Jack London und sein Lockruf des Goldes mag da eine Triebfeder gewesen sein.
Mit dem Auto waren Martina und ich auf der berühmten und berüchtigten "Alcan", dem Alaska Highway, von Dawson Creek in vier Tagen bis nach Whitehorse gefahren. Hier bogen wir südlich auf die gerade eröffnete Schotterstraße nach Skagway in Alaska ab, wo wir unsere Wanderung auf dem Chilkoot Trail beginnen wollten.
Es ist schon 23:00 Uhr als wir noch bei Tageslicht unser Zelt aufstellen, die Rucksäcke mit den Nahrungsmitteln zum Schutz vor den Bären an einem Baum hochseilen und in unsere Schlafsäcke kriechen. Ein sonniger Tag ist zu Ende, der mit einer Taxifahrt von Skagway zum Beginn des historischen Goldgräberweges begonnen hat. 45 Kilometer liegen jetzt noch vor uns, und wir wissen nicht, ob unsere Kräfte den vorgestellten Anstrengungen gewachsen sind.
Etwa dreitausend "Hiker" - so nennt man in Amerika die Wanderer mit Ruck- und Schlafsack - haben in diesem Jahr den Chilkoot Trail gemacht. Nicht gerade viel, wenn man das mit den Hunderttausenden vergleicht, die sich der Trampelpfade in den Alpen bemächtigen.
Bär Im Winter 1898 haben allein 80.000 Goldsucher den Pass überwunden. "Hiking" bedeutet auch, alle Nahrungsmittel und Ausrüstungsgegenstände für einige Tage auf dem Rücken zu transportieren. Es gibt keine Hotels und keine Berghütten, die die Wanderer erleichtern. Mitgeführt werden auch schmerzstillende Mittel, schließlich habe ich vor zwei Monaten mit einer schmerzhaften Kolik wegen Nierensteinen im Krankenhaus gelegen.
Etwa vier Tage benötigt man zur Überquerung der Chilkoot Bergkette bis zum 54 Kilometer entfernten Bennett. In Bennett luden die Goldgräber nach wochenlangen Plagen während des Goldsuchens ihre Ausrüstung auf Boote um auf dem Yukon hinunter die Goldfelder des Klondike zu erreichen. Heute kann man von hier die Eisenbahn nach Whitehorse oder Skagway erreichen. Eine der eigenartigsten und beeindruckendsten Fahrten durch die Bergketten zwischen 1.000 und 2.500 Metern hindurch, vorausgesetzt dass alles glattgeht und nicht gerade ein Bergrutsch die Eisenbahn blockiert, wie es bei unserer Rückkehr geschah.
"Abenteuerferien", so wird das wohl in den Reiseprospekten genannt. Auch der Chilkoot Trail ist bereits im Programm der Reisedienste. Wir sind diesen touristischen Abenteurern nicht begegnet, wohl aber amerikanischen Wanderern, die diese Form des Ferienerlebnisses schon immer praktiziert haben. Auf den unterschiedlichsten Wegen gelangte man zu den Goldfeldern, als 1896 George Carmack, Skookum Jim und Tagish Charley am Rabbit Creek im Klondikegebiet auf Gold stießen. Im Winter erreichte die Nachricht die amerikanische Westküste.
"Mit den stärksten Worten betone ich, dass der Chilkoot Pass der einzig sinnvolle Weg ist, Dawson City und die Goldfelder Alaskas zu erreichen. Die Natur hat diesen Weg als den besten ausgestattet. Es gibt nichts, was diese Arbeit ungeschehen machen könnte. Das Gesetz des geringsten Widerstandes empfiehlt den Weg über den Chilkoot. Es ist der einzige Weg zu den Goldfeldern, der sicher und wirtschaftlich ist." (Captain Crawford, The Dyea Trail, August 1898)
Soapy Smith Skagway und das konkurrierende Dyea waren auf den Ansturm vorbereitet. Jahrelang hatte man darauf gewartet. Im Winter 97/98 kamen die Abenteurer zu Tausenden: verführt von den Goldproben und Karten, die praktisch ganz Alaska als Goldgebiet auswiesen. Skagway, das damals 15.000 Einwohner erreichte, hat heute nur 500, die sich notdürftig vom Tourismus ernähren. Damals war alles ganz anders. "Die Stadt wächst mit jedem Tag. Spielhallen, Tanzsaloons und Theater haben volle Beschäftigung. Soapy Smith, ein schlechter Mensch und seine 150 Verschworenen haben die Stadt unter Kontrolle und tun, was ihnen gefällt. Raub und Mord sind an der Tagesordnung; viele Leute kommen mit den Taschen voller Geld und am nächsten Morgen haben sie nicht einmal genug Geld für eine einzige Mahlzeit; sie sind beraubt oder beim Spiel betrogen worden. Schüsse fallen am hellen Tage. In der Nacht hört man Hilfeschreie: "Mörder". (Tagebuch von Samuel Steele. Januar 98)

Kilometer 0: Trailhead
Es ist 8:00 Uhr abends und noch taghell. Wir beginnen unsere Wanderung steil aufwärts den ersten halben Kilometer. Der ständige Steigungsregen hat einen urwaldartigen Regenwald mit dichtem Buschwerk und Farnkraut entstehen lassen. Die Wanderung wird uns bergauf bis zu alpinen Wüsten durch alle Vegetationszonen führen. Nach etwa zwei Kilometern endet der enge Pfad auf einem Holzabfuhrweg, der jedoch einem kleinen Rinnsal gleich mit Wasser gefüllt ist. Zwar haben wir trotz unserer Bergschuhe nasse Füße, das Gehen ist jedoch nicht sehr anstrengend. Auch wenn wir immerhin 40 Pfund auf dem Rücken haben.

Kilometer 12: Finnegans Point
Bei Finnengans Point war einmal eine Brücke über den Fluss, auf der Finnegan und seine Söhne von jedem Goldsucher 2 Dollar verlangten. Es ist jetzt 23:00 Uhr nachts. Die Sonne hat sich hinter die Berge gesenkt; allmählich geht der Tag in die Nacht über. Der Irene-Gletscher auf der anderen Seite des Dyea Flusses funkelt blaugrün herüber und lässt die Schneepackungen erahnen, die hier im Winter liegen müssen. Fünf Meter neben dem Fluss schlagen wir auf dem verbreiteten Weg unser Zelt auf und fallen in einen Halbschlaf, der uns bereits vier Stunden später die Nacht beenden lässt.

Hängebrücke Kilometer 13: Canyon City
Auf einer der vielen Holzhängebrücken über die Zuflüsse des Dyea erreichen wir Canyon City Shelter. Heute besteht diese "Stadt" aus einer Blockhütte für Wanderer. Vor 80 Jahren machten hier täglich bis zu 1.000 Goldsucher Rast.

Als erstes bemerken wir einen Hinweis der Forstbeamtin, der vor dem Grizzlybären warnt, der vor einigen Tagen hier gesichtet worden ist. Dieses Gebiet ist eigentlich bärenfrei, jedoch vermag das unsere Ängste nicht zu beseitigen. Wir binden zwei Kochgeschirre aneinander, die ständig klappernd den Bären vertreiben sollen. Wir treffen auf einen Archäologen von der Universität Alaska, der seit etwa acht Wochen Studien und Grabungen der Goldgräberzeit vornimmt. Der Weg in die Geschichte der Amerikaner ist nicht sehr weit. Alle Relikte aus der Goldgräberzeit sind zu Kulturdenkmälern erklärt worden und dürfen nicht verändert werden. Das historische Canyon City ist überwuchert durch die Vegetation. Die Hütten sind verfallen, zugewachsen und verrottet. Wer hat bloß den riesigen Eisenofen hierher geschleppt? Nichts mehr zu sehen von den Hotels, Restaurants, Saloons, Werkstätten und dem damals gebauten Kraftwerk.

Kilometer 20: Sheep Camp
"Unsere erste Ladung brachten wir gestern hierher und erhielten die Erlaubnis zu übernachten. Wir schaufelten unseren Weg frei durch den meterhohen Schnee für den Platz auf den wir das Zelt aufstellten. Der Wind bläst fürchterlich hart. Wir wollen unseren Weg morgen fortsetzen, so Gott will." (Tagebuch: F. Sheeley, 31. Januar 1898)
Die Goldsucher kamen im Winter und machten Station bei Sheep Camp. Schafe sind hier nie gewesen; selbst in der Namensgebung spiegeln sich die Illusionen der Abenteurer. Vier Jogger stampfen an uns vorbei. Sie laufen an einem Tag die 17 Kilometer zum Pass und wieder zurück. Nur so, zum Spaß. Das Erreichen der körperlichen Grenzen ist dieser Gruppe zum eigentlichen Ziel ihres Laufens geworden. Auch wir fühlen mit jeder Muskelfaser unsere bisherigen Anstrengungen. Und der Aufstieg steht uns noch bevor.
Lockruf des Goldes "Es sind Menschen aus allen Gegenden des Erdballs. Unter ihnen sind Männer und Frauen, welche Doktoren, Rechtsanwälte, Soldaten, Ingenieure und Buchhalter waren. Alle auf dem Weg zu eisigen El Dorado." (Sheeley, 1898)
Mit uns haben etwa 20 weitere Wanderer diesen Platz zum Nachtlager ausgesucht. Ich frage mich, wo die 400 Personen bleiben, die hier schon gezählt wurden. Mehrere Familien mit ihren Kindern machen diesen beschwerlichen Weg. Die Jüngste ist acht Jahre alt. Auch sie trägt ihren Rucksack und Schlafsack. War das Verhältnis zwischen männlichen und weiblichen Wanderern 1962 noch 80:20, so ist es in diesem Jahr 60:40. Emanzipation auf den Chilkoot Trail? Es waren besonders Frauen, die als Packfrauen bis zu 120 Pfund auf ihrem Rücken schleppend, den Weg durch Eis und Schnee suchten. Überhaupt: Lehrer, Ingenieure, Erzieher, Krankenschwestern, Doktoren und Rechtsanwälte führen heute die Berufsliste an. Während 1973 lediglich 1.000 Hiker den Chilkoot Trail erwanderten, mögen es jetzt 3.000 gewesen sein. Davon waren etwa 4% Nichtamerikaner; unter diesen haben die Deutschen mit 70% den größten Anteil. 100 Deutsche auf den Spuren eines Fernsehfilms nach dem Roman von Jack London?

Kilometer 23: The Scales
Wir haben die Baumgrenze verlassen und sind in den alpinen Wiesen mit ihrer sommerlichen Blumenpracht. Wir machen Rast vor dem entscheidenden steilen Aufstieg. Die Wanderer vor uns scheinen als kleine rote Punkte an den Felswänden zu kleben. Auch hier liegen die vergangenen Reste des Goldsuchens: Holzbalken, Kabel, Werkzeuge, Küchengeräte, Schlitten, Stoffreste und Schuhe über Schuhe. Von hieraus kann man sich verirren, besonders wenn Regen und Nebel die Sicht behindern. Wir haben das Glück, bei sonnigem, klaren Wetter den Aufstieg zu machen. Unsere Orientierung sind die farbigen Markierungen auf den Felsbrocken.

Kilometer 25: The Golden Stairs
"Der Aufstieg zum Pass war steil, dass der Mann mit den Füßen in den Schneelöchern stand, die in den harten Schnee geschlagen waren, mit seinen Händen die Wand berühren konnte, ohne das Gleichgewicht zu verlieren" (Tagebuch: Arthur Walden, Winter 98)
Nur noch Schritt für Schritt kommen wir voran. Die "Goldenen Treppen" erfordern unsere ganze Aufmerksamkeit. Es geht über gefährliche Felsbrocken an der steilen Felswand aufwärts. Erahnen wir die Beschwernisse der Goldsucher, die im Winter 97/98 hier in den Schneestufen hochstampften? 14 Tage benötigten sie für die Überquerung des Passes. Bis zu zehnmal mussten sie den Weg machen, um die von der kanadischen Regierung geforderten 1.000-Pfund-Ausrüstung hinüber zu schleppen.

Kilometer 27: The Summit
Auf dem Pass in der geringen Höhe von 1.082 Meter überschreiten wir die Grenze von den USA nach Kanada. Uns erwartet nicht die Royal Canadian Mounted Police, sondern plötzlich einsetzendes sich änderndes Wetter, das sturmartige schwere schwarze Wolken herübertreibt.
Es ist 2:00 Uhr nachmittags, als wir schließlich den 1965 errichteten Gedenkstein des historischen Monuments erreichen. Ein ungewöhnlich warmer Sommer hat auf diesen Höhen den Schnee gänzlich geschmolzen, und wir können unter dem Gedenkstein unser Gipfelfoto machen. Hinter einem windgeschützten Felsvorsprung machen wir trotz der allmählich einsetzenden Kälte eine kurze Rast. Schokolade und Nüsse sollen unseren Energieverlust wieder auffüllen.

Kilometer 29: Crater Lake
"Die Pferde wurden mit zugebundenen Augen über den Pass geführt, dann rutschten sie auf ihrem Rücken hinunter zum Crater Lake. Das hört sich schlimmer an, als es ist. Ich sah kein Pferd das scheute oder verletzt wurde. Aber es waren schließlich auch Cowboy-Ponys." (Tagebuch: Arthur Walden, Winter 97)
In unwirklichem Blaugrün liegt der Kratersee vor uns. Wir gleiten auf dem Schneefeld hinunter, das unmittelbar im See als Eispackung endet. Selbst im August ist der See mit einer Eisschicht bedeckt. Die vor uns liegende Strecke entlang des Sees ist eben; sie führt durch eine alpine Tundralandschaft. Viele kleine Rinnsale ergießen sich aus den Bergen in die Gletscherseen. Schon bald sind unsere Füße nass. Der Wind wird stärker. Er schiebt von hinten und treibt uns so vor sich her.

Kilometer 39: Deep Lake
Das Wasser ist eiskalt. Der Zahnschmelz scheint beim Zähneputzen zu sprengen. Selbst in dieser Wildnis kann ich auf meinen morgendlichen Ritus nicht verzichten. Bei einsetzender Dunkelheit und vor dem Wind Schutz suchend, haben wir zwischen verkrüppelten Kiefern unser Zelt aufgebaut. Die Kälte der Nacht wird durch unsere guten Daunenschlafsäcke überwunden. Der tiefe Erschöpfungsschlaf hat unsere Kräfte regeneriert. Um 8:00 Uhr sind wir bereits eine Stunde zu spät aufgestanden: 20 km liegen vor uns, und wir wollen um 14:00 Uhr den Zug nach Bennett erreichen. Wir hetzen Kilometer um Kilometer an dem langen Bergsee entlang; genießen trotzdem dessen karge unberührte Schönheit.

Lake Bennett Kilometer 55: Lake Bennett
"Es war ein langer Weg gewesen. Über vereiste Steine und über lockeren Schnee hatte er geführt bis hierher zum Lager am Bennettsee, wo Hunderte von Goldsuchern mit ihren Booten warteten, bis die Frühlingssonne die dicke Eisschicht geschmolzen haben würde. Zum zweiten Mal wühlte Buck sich sein Loch in den Schnee und schlief den Schlaf der Gerechten." (Jack London: "Wenn die Natur ruft")
Als am 29. Mai 1898 das Eis brach, setzten sich innerhalb von 48 Stunden 7.000 Boote den Wasserweg zum Klondike in Bewegung, nachdem sie Wochen und Monate auf diesen Weg gewartet hatten. Auch wir haben die Bennett-Paranoia erlebt: Die Angst den Zug nicht zu erreichen. Sie hat uns vorwärts getrieben, sodass wir eine Stunde vor Abfahrt des Zuges am Ziel sind. Mühselig der letzte Kilometer auf lockerem Sand; die schweren Schuhe finden keinen Halt, man zieht die Beine förmlich aus dem Sand. Glücklich steuern wir in den Aufenthaltsraum der Station und erfahren, dass der Zug heute nicht fahren wird. Ein entgleister Zug aufgrund eines Bergrutsches versperrt den Weg. Wir registrieren das kaum noch. Wollen etwas zu trinken. Nur kein Wasser. Auch zu Essen erhalten wir. Wir waren ohne Frühstück losmarschiert. Die Ironie wollte es, dass das Essen Beef Stew und Bohnen war: Unser Dosenproviant von der Wanderung. War das die Erfüllung des Jugendtraumes? War es der Mühen wert? Bilder schießen durch meinen Kopf, die bleiben werden: Die Abendsonne auf dem Irene-Gletscher, das einladende Blaubeerfeld, der brechende Balken über dem Bach, die schwarz drohenden Wolken über dem Pass, das Abendlied der nordischen Kolibris, die Knochenreste eines Goldsuchers. Bilder, die sich heute in meinen Tagträumen wiederholen. Bären sind uns übrigens nicht begegnet. Und Feuerwaffen müssen in der Polizeistation in Skagway sowieso abgegeben werden. Die wilden Zeiten sind vorbei.