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Dieter Langbehn "Mein letzter Viertausender?"
Ein Bericht von Dieter Langbehn

Ah - noch einmal Post von meinem Bergführer! Ich öffne das Kuvert und lese:

Brief Vielen Dank für Deine Nachricht. So, wie es im Moment aussieht, werden wir von der Täsch-Hütte aus starten. Von dort aus gelangen wir in 6 - 7 Stunden auf den Gipfel des Rimpfischhorns. Da ich an diesem Tage in der Region unterwegs bin, komme ich wahrscheinlich erst am Abend auf die Hütte. Ich würde es mir von Dir wünschen, dass Du Dich selbständig auf zur Hütte machst und engend Zeit einplanst, um dort eine ausgiebige Siesta zu machen, aber, Du als alter Bergfuchs weißt natürlich am besten über Deine Gipfelvorbereitungen Bescheid.
Da Du Dich sicherlich schon bald auf Reisen machst, rufst Du mich am besten 2-3 Tage vor unserer geplanten Tour an, damit wir letzte Details besprechen und evtl. den Wettergott noch einmal gnädig stimmen.
Ich freue mich sehr auf unsere gemeinsame Tour und wünsche Dir eine gute Reise ins schöne Wallis. Gruß - Dein Bergführer Simon


Mein großes Ziel im Rahmen meiner diesjährigen ALPIN-Tournee: Mein 35. und wahrscheinlich letzter Viertausender im Alter von 65 Jahren!
Achtunddreißig Jahre lang bin ich mittlerweile dem großen und herrlichen Alpenraum treu sowie innig aktiv verbunden. Meine Geburtsstunde des Alpinismus begann im Juli 1976 in Sölden in den Ötztaler Alpen. Ganz klein fing ich damals an in Form von Hüttenwanderungen, und aus einem einst schlichten, aber schönen Bergurlaub ist eine seit langem großartige Passion entstanden. Ferner kann ich auf dreißig erfolgreiche Jahre als ALPIN-Vortragender zurückblicken.
Donnerstag, 17. Juli 2014; 16:00 Uhr: Bin bereits heimisch geworden in der tollen erweiterten Täschhütte in 2701 m Höhe hoch oben über Täsch im Zermatter Tal im Schweizer Kanton Wallis. Für fünf Fränkli erhielt ich sogar im neuen Waschraum zusätzlich eine heiße Dusche; die Hygiene muss auch hoch oben am Berg stimmen! Nun - die moderne Energiegewinnung! Davon macht man dann doch gern Gebrauch! Und - der Wirkungsgrad der Solar-Technik ist gegenüber dem Flachland enorm hoch, da man der Sonne ziemlich nah ist. Taeschhuette
Neben mir, zum Greifen nahe, grüßt von anderer Seite des Zermatter Tales das Walliser Weisshorn (4505,5m) herüber, welches ich im September 1991 mit dem Walliser Bergführer Andreas Köppel bestieg; einer meiner zahlreichen gemeisterten Viertausender. Viele davon absolvierte ich natürlich auch im Alleingang, sogar per Gletscher-Tour.
Ich bin gut vorbereitet bzw. akklimatisiert für die große Hochtour.
Bevor ich über den Passo Novena, den Nufenen-Pass (mit 2478 Höhenmetern sogar höchste Bergstraße der Schweiz) ins Wallis anreiste, unternahm ich im Alto Ticino, den Tessiner Hochalpen im Valle Malvaglia eine tolle Eingehtour auf den Pizzo Cramorino (3173 m). Davor nächtigte ich bereits in der modernen neuen Hütte Capanna Quarnei (2107 m).
18:30 Uhr: Mein Bergführer war mittlerweile eingetroffen, und so sitzen wir zusammen mit weiteren Bergkameraden im großen tollen Speisesaal beim Nachtessen. Das Wetter kann nicht besser sein für die morgige Tour; das erfuhr ich bereits gestern Abend im Rahmen eines kurzen Telefonates mit dem Simon, und so konnte ich bester Dinge heute Morgen in Richtung Wallis starten. Das gute Wetter, scheint ein Geschenk des Herrgottes zu sein, bin ich doch ein guter Kirchgänger, welcher genügend Pluspunkte gesammelt hat! Gegen 21:00 Uhr ins Nachtlager, denn die Nacht ist kurz! Anhand der Viertele Roten (Walliser Döle) müsste ich ohnehin gut schlafen.
Freitag, 18. Juli 2014; 3:00 Uhr morgens: Der Simon hat mich geweckt. Da ich gut geschlafen hatte, komme ich schnell in die Puschen.
Katzenwäsche, und schon sitze ich bei ihm am Frühstückstisch. Oh - toll! Müsli-Flocken, Milch ...! Der vom Hüttenwart bereitgestellte wohlschmeckende Marschtee wurde bereits am Abend im vorbereiteten Rucksack deponiert, und so stehen wir schon kurz nach 3:30 Uhr abmarschbereit vor der Hütte im Schein der Stirnlampen und machen den Glühwürmchen Konkurrenz.
Über einen guten mit Steinmännchen markierten Moränensteig geht es aufwärts bis auf 3421 m Höhe auf den Alphubel-Gletscher. Am Gletscher-Beginn werden die Steigeisen angelegt, denn der Firn ist zu dieser Tageszeit teilweise noch leicht vereist. Da - unweit von uns auf dem Gletscher ein Zelt mit Selbstversorgern, welche vermutlich die teuren Hütten-Kosten sparen wollten, liegen im Schlafsack!
6:00 Uhr: Das Morgenlicht empfängt uns, und wir können die Stirnlampen ausschalten und im Rucksack verstauen. Eisig kalt ist es noch, und wie gut, dass ich meinen dicken Jacquard-Pulli (einer von über 400) dabei habe. Nun haben wir uns so toll aufwärtsgearbeitet, und nun müssen wir über einen weiteren Moränensteig wieder tief abwärts auf den Mellich-Gletscher! Links von mir ein Blick aufwärts zum gewaltigen firnigen Alphubel(4206 m); genau mittig zwischen Zermatt und Saas-Fee; hatte ich im Juni 1997 im Alleingang, ebenfalls von der Täsch-Hütte aus, gepackt; und da - vis-a-vis das Allalin-Horn (4027 m) ob Saas-Fee, hatte ich ein Jahr später auch im Alleingang erobert. Die Morgensonne lässt mittlerweile des Matterhorn toll erleuchten.
Wir beobachten eine Seilschaft, welche von der Britannia-Hütte oberhalb von Saas-Fee herüberkommt in Richtung Rimpfischhorn. Mittlerweile haben wir beide wieder an Höhe gewonnen auf dem weiten Mellich-Gletscher. Ab und zu muss ich kurzzeitig um ein Schnauferl bitten, denn mein Bergführer, gerade 27 Jahre alt, ist schnell (war ich auch einst). Das firnige Hochplateau in 3.838 m auf dem oberen Mellich-Gletscher ist erreicht, wo auch die Route vom Fluhalp-Touristenhaus (2602 m) ob Zermatt aufwärts führt. Viele Wege führen nach Rom und aufs Rimpfischhorn. Nach einer kurzen Pause geht es jetzt steil aufwärts, ich schätze 45°! Das Rimpfischhorn trug vor 60 Jahren u.a. noch die Bezeichnung Lady-Berg; davon ist aber im wahrsten Sinne des Wortes nichts mehr zu verspüren. Ich merke es bereits aufgrund des Klimawandels und der Ausaperung von Firn und Gletschern scheint auch dieser Viertausender äußerst schwierig geworden zu sein! Ich sehe bereits den Gipfel mit Personen darauf und frohlocke insgeheim. Zu früh, wie ich sehe, als wir die Felspassagen erreicht haben, denn jetzt ist noch Kletterei angesagt! Mit Steigeisen unter den Bergschuhen zunächst noch ungewohnt auf Fels nach einem Jahr Pausierens im norddeutschen Raum, aber ich gewöhne mich schnell wieder daran. Mein Bergführer steigt voraus, sichert das Seil, und ich folge. Da - eine Felsstelle - ziemlich hoch. Mist, dass ich kleiner geworden bin im Laufe der Zeit, aber ich muss irgendwie hinauf, und tatsächlich gelingt es mir. Jetzt ist totale Kopfarbeit angesagt: Wo packe ich den Fels an, wo finden die Füße Halt...! Ich bin jetzt als Nordlicht voll gefordert!
Entspannung zwischendurch, mit den Steigeisen aus dem Fels auf einen schmalen Firn-Grat, und während ich noch so richtig mit mir beschäftigt bin, stehen wir plötzlich vorm Gipfelkreuz in 4198 m Höhe! Mein Bergführer drückt mir die Hand zur Gratulation - geschafft!
Rimpfischhorn
10:00 Uhr Zeit total eingehalten. Ich kann meine Tränen nicht zurückhalten; ein Quantum aus Glücksgefühl, Erschöpfung ... Und nun das einmalig tolle Panorama der Walliser Alpen! Da meine Eisburg des Monte Rosa, Königin der Alpen auf welcher ich im letzten Jahr noch im Alleingang zwei einfache Viertausender meisterte; und auf dem Matterhorn (4478 m), dem Berg der Berge, stand ich bereits Ende Juli 1983!
Der Gipfel-Abstieg geht meist schnell vonstatten, denn der Bergführer seilt ab: Er gibt eine gewisse Seillänge vor bis zu einem ausgemachten Standplatz, während ich mich bis dahin mit den Füßen in leichter Rückenlage vom Fels abstoße. Am Standplatz sichere ich wiederum und lege das Seil um einen Felskegel. An einigen Felsstellen befinden sich bereits zum Sichern fixe Seilschlingen.
Ausstieg aus der Felspartie, vorsichtig das steile Schnee-Couloir abwärts zurück auf das firnige Hochplateau, den sog. Rimpfisch Sattel, und das war es! Von jetzt an Gemütlichkeit, denn es geht kontinuierlich in einzelnen Etappen den Mellich-Gletscher wieder abwärts. Die Vormittagssonne hat den Gletscher mittlerweile zwar erwärmt, aber keinerlei Spalten-Gefahr. Nun - er liegt dick drauf, der Neuschnee, denn die Monate Mai und Juni zeigten sich am Berg noch recht winterlich und bescherten gehörige Schneefälle. Eigentlich‚ nicht schlecht, denn das wiederum bewahrt die Gletscher für einen Zeitraum vorm weiteren Abschmelzen.
Mittagszeit! Wir haben das untere Ende des Mellich-Gletschers erreicht und stehen vor dem Moränensteig. Die Steigeisen können jetzt abgelegt und verpackt werden. Während wir in Richtung Alphubel-Gletscher hinaufsteigen, erfreuen wir uns an den Steinböcken, welche uns aufmerksam mustern. Ein Glück - der allerletzte Anstieg an diesem Tag! Geschafft! Die Höhe des Alphubel-Gletschers ist erreicht! Steigeisen benötigen wir zwar nicht mehr, aber aufgrund der Sicherheit lässt man mich noch am Seil.
Heiß ist es geworden, und wir müssen uns fast vollständig entblößen, und nicht selten sacken wir jetzt tief ein im von der Sonne erwärmten Firn. Das untere Ende des Alphubel-Gletschers ist erreicht, und ich werde jetzt abgeleint. Das Seil verschwindet akkurat zusammengelegt in Simons Rucksack, und wir bewegen uns der bereits sichtbaren Täsch-Hütte zu.
Punkt 14:00 Uhr erreichen wir die Hüttenterrasse, auf welcher sich bereits neue Alpinisten versammelt haben. Bestzeit auch im Berg-Abstieg! Jetzt, während Steigeisen, Bergschuhe sowie Kniebundsocken erst einmal auf der Terrassenmauer trocknen, brauchen meine Kniegelenke erst einmal Glucosamin-Kapseln, denn gerade beim Abstieg waren die unermüdlich im Dauereinsatz (Körpergewicht + Rucksackgewicht)!
Das war’s! Mein 35. Viertausender bei Kaiser-Wetter! Besser konnte es nicht gelaufen sein! Ein wenig kaputt bin ich schon, aber das darf ich wohl sein. Im Alter von 65 dennoch ein Glücksgefühl! Das war nun seitens des Bergsports mein Erfolg neben dem WM-Tor unserer National-Elf vor knapp einer Woche.
Ein Kaffee mit meinem Bergführer in der Hütte; herzliche Verabschiedung! Während er abwärts läuft zur Täsch-Alp, ordne ich in aller Ruhe meinen Rucksack. Gewisse Dinge daraus blieben solange in einem Korb im Hütten-Vorraum, um nicht unnötig Ballast herumzuschleppen. Auf diese Art und Weise entsteht wieder einmal Ordnung im Rucksack, und man findet Dinge wieder, an welche man lange nicht mehr glaubte.
Am Tage darauf bin ich bereits wieder aktiv, denn meine ALPIN-Tournee geht weiter: Macugnaga im Valle Anzasca (südliches Monte-Rosa-Gebiet, danach erneut im Valle Aosta ... Schöne anspruchsvolle Dreitausender reihen sich an neben einem großartigen Viertausender!

Mein wirklich letzter Viertausender?