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Auf den Spuren der Mauren
"Ruta da Riconquista", Picos de Europa, Nordspanien, 2. – 5. Juli 2017
von Wiebke Kiehn
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2. Juli 2017

Keuchend klettere ich den schmalen Zickzackpfad in der Mittagshitze empor. Hinter jeder Kehre hoffe ich, den Gipfel des Porra Enol (1299 m) zu erblicken. Aber es dauert noch, der Weg zieht sich, mein Rucksack wird schwer und schwerer. Dann bin ich endlich oben und werde mit einem fantastischen 360° Panorama belohnt. Rings um mich herum stehen im strahlenden Sonnenschein die Bergketten, im Norden kann ich am Horizont das Meer ausmachen. Unter mir erkenne ich das Refugio, in dem ich heute nächtigen werde, und gleich daneben den türkisblauen Lago Enol. Schöner geht es nicht!

Rückblick: Am 28. April startete ich bei genauso fantastischem Wetter in Irun (spanisch-französische Grenze am Atlantik) den Camino del Norte, den Küstenpilgerweg Nordspaniens. 54 Tage und rund 1.000 km (inkl. Abstecher) später kam ich in Santiago de Compostela an, nach weiteren 3 Tagen und 90 km in Finisterre, dem "Ende der Welt" an der Atlantikküste. Damit hatte ich das geografische Ziel meiner Pilgerreise erreicht, die noch verbleibenden zweieinhalb Wochen meiner dreimonatigen Auszeit waren sozusagen "Urlaub". Selbstverständlich wollte ich diesen auch noch wandernd verbringen. Ein Abstecher vom Küstenweg hatte mich im Mai bereits auf den Camino Lebaniego zum Kloster Santo Toribio de Liebana in den Picos de Europa geführt. Dieses Küstengebirge liegt zwischen dem Camino Frances, dem durch Hape Kerkeling bekanntesten Pilgerweg im Inland, und dem Camino del Norte. Von Santo Toribio gibt es die Möglichkeit, westwärts die Picos zu durchqueren und nach einigen Tagen wieder auf den Küstenpilgerweg zu stoßen. Eine Mitpilgerin wagte sich auf diese überall als anspruchsvoll und aufgrund der mangelhaften Markierung und des häufig sehr plötzlich auftretenden Nebels als nicht ungefährlich bezeichnete Tour.

Mich zog es zu dem Zeitpunkt aber direkt per Bus zurück an die Küste. Bei einem späteren Wiedersehen mit besagter Pilgerin erzählte sie so begeistert von der Tour, dass ich beschloss, diese ebenfalls zu wandern, wenn ich am Ende noch Zeit hätte. Diesen Weg sollen übrigens angeblich im Jahr 722 die Mauren genommen haben, als sie nach der verlorenen Schlacht bei Covadonga vor den sie verfolgenden Christen durch die Berge der Picos de Europa fliehen mussten, daher erhielt er den Namen Ruta da Riconquista.
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Am 1. Juli fuhr ich bei bestem Bergwetter mit dem Bus nach Cangas de Onis, einem westlichen Ausgangspunkt für Touren in die Picos de Europa. Von dort ging es entlang der Nationalstraße hinauf nach Covadonga (260 m), wo neben einer neoromanischen Basilica vor allem die Heilige Höhle mit einer Statue der Virgen de las Batallas ("Madonna der Schlachten"), die angeblich die Christen in der besagten Schlacht zum Sieg geführt hat, und dem Grab des siegreichen Feldherrn Don Pelayo, dem ersten König Asturiens, zu bestaunen sind. Der weitere Weg stieg im Zickzack steil durch den Wald bis zu einer wunderschönen Bergwiese mit einem Flüsschen, das in einer tiefen Höhle am Rande der Wiese verschwindet. Gegenüber führte der Weg weiter steil und fast ohne Markierungen den Wiesenhang empor bis zu der kleinen Almsiedlung Fana auf 900m mit kleinen, verwunschenen Steinhäusern. An dieser Stelle kam auch die Straße wieder in Sicht, auf der sich zahlreiche Autos und Busse zu den Seen von Covadonga, einem Touristenmagnet der Gegend, hochschraubten. Nach einer kurzen Verschnaufpause ging es weiter über die Almwiesen, bis ein kleiner Pfad rechts abbog. In meiner Wegbeschreibung wurde der Abstecher zum Porra Enol als überaus lohnend bezeichnet, und so machte ich mich trotz zunehmender Erschöpfung auch noch an diesen zusätzlichen Aufstieg. Der Reiseführer hatte nicht gelogen, ich verbrachte eine lange Mittagsrast auf dem Gipfel und konnte mich nicht satt-sehen an dem Panorama. Dann ging es steil den Berg hinab zum Refugio Vega de Enol auf 1100 m, wo ich mich noch lange in der Sonne sitzend an dem Blick auf die umliegenden Berge erfreute.
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3. Juli 2017
Am nächsten Morgen unterzog mich der Hüttenwirt einer strengen Prüfung: Ob ich wüsste, wie weit der Weg sei und wieviel Höhendifferenz er habe, ob ich Karte und Wegbeschreibung hätte und vor allem eine Trillerpfeife. Endlich einmal wurde dieses Utensil, das ich immer pfeifbereit am Rucksackträger baumeln habe, als notwendig erachtet und nicht belächelt! Als der Wirt mich dann auch noch bat, ihm bei meiner Ankunft am Zielort der heutigen Etappe eine WhatsApp Nachricht zu schicken, fühlte ich mich etwas in meiner Wanderehre gekränkt, da er mir so offensichtlich weder die nötige Vorbereitung noch die Kraft für diese Tour zutraute. Dann siegte aber die Einsicht, offensichtlich müssen in den Picos immer wieder leichtsinnige Touristen gerettet werden, die mangelhaft ausgerüstet und ohne Bergerfahrung von schlechtem Wetter überrascht werden. Und gerade als Alleinwanderin ist es ja von Vorteil zu wissen, dass sich jemand sorgt. Es war mir am Nachmittag dann aber doch eine Genugtuung, meine "Angekommen"-Nachricht 10 Minuten vor Ablauf der 9 Stunden, die der Hüttenwirt als seine Zeit für die Etappe angab, abzuschicken.

Zuvor brachte mich die Etappe aber tatsächlich an die Grenze meiner physischen Leistungsfähigkeit, und ich bewundere noch heute meine Mitpilgerin, die die Tour andersrum gemacht hat. Sie hat sogar noch zusätzlich zu den 1700 m Aufstieg und 500 m Abstieg eine längere Etappe (ab Bulnes) mit weiteren 500 Hm Abstieg bewältigt, dazu noch große Teile im berüchtigten Nebel!

Bild4 Zunächst ging es morgens aber gemütlich los zum Lago Enol, in dessen glatter Wasserfläche ein perfektes Spiegelbild der umgrenzenden Berge zu sehen war. Über einen Kamm, dem Zwei-Seen-Blick, ging es weiter zum Lago Ercina, der mit den schneegepuderten Bergen ein Postkartenmotiv abgab. Ein breiter Fahrweg führte von dort weiter nach Westen bis zum Almdorf Belbin mit seinen pittoresken Steinhäuschen. Dann wurde es anstrengend, der Weg teilte sich in viele kleine Rinderpfade auf, die steil bergauf führten, weitgehend ohne Markierung. Ich durchquerte ein kleines Hochtal und weitere verfallene Siedlungen auf dem Weg nach oben, bis ich schließlich die Passhöhe Collado de Xerrabuna (1420 m) mit phantastischer Aussicht auf die Bergkette gegenüber der Cadesschlucht erreichte. Beim Abstieg traf ich zum ersten Mal seit den Seen wieder auf andere Wanderer, ein junges tschechisches Pärchen, das mir entgegen kam und total erschöpft und etwas verzweifelt auf den vor ihnen liegende steilen Anstieg zum Pass blickte. Für mich ging es weiter bergab vorbei an einer tiefen Höhle, die aus Sicherheitsgründen mit einem sehr wackeligen Stacheldraht umzäunt war, bis zum Dorf Oston, das nur noch einen Bewohner hat, den Nationalparkranger. Von Oston aus eröffnete sich ein erster Blick in das Cadestal. Der nun folgende Abstieg durch ein enges Felsental in die Cadesschlucht war einer der steilsten, die ich je auf Wanderungen erlebt habe. Kein Wunder, dass die Tschechen so erschöpft gewesen waren!
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Der Pfad mündete schließlich bei dem winzigen Dörfchen Culiembro auf 400 m Höhe in den gut ausgebauten Weg durch die Schlucht, und der Gegensatz zu dem vorherigen Weg hätte nicht größer sein können: Von der stillen Einsamkeit in die touristische Massenbewegung. Die 10 km lange Schlucht ist ein sehr beliebtes Ausflugsziel, und es wunderte mich, dass bei den Menschenmassen, die sich über den vielleicht 1,5 m breiten Weg bewegen, nicht öfter mal jemand in den Abgrund stützt, da keinerlei Geländer vorhanden sind. Immerhin ist wenigstens das Fahrradfahren verboten – erstaunlich in diesem fahrradverrückten Spanien. Der Weg ist über weite Strecken in den Fels gesprengt, er führt durch Felstunnel und unter Überhängen spektakulär 100 m oberhalb des Flusses durch die Schlucht. Bild5a Ich war froh, dass der Weg weitgehend eben verlief, denn auch bei mir stellte sich allmählich Müdigkeit ein. In dem engen Tal stand die Hitze, es gab nur gelegentliche Abkühlungen durch kleinere Wasserfälle. Am Ende der Schlucht musste noch ein Anstieg überwunden werden, dann erreichte ich mein Etappenziel Poncebos (218 m), eine Straße mit zwei Gasthäusern und einigen wenigen anderen Gebäuden. Zum Glück war im günstigeren Hotel Garganta del Cares ein Zimmer frei, und noch vor dem Duschen schickte ich die Nachricht an den Hüttenwirt vom Lago Enol.Bild6



4. Juli 2017

Um 7 Uhr morgens lag das Tal noch im tiefen Schatten, aber der strahlend blaue Himmel verhieß einen weiteren großartigen Wandertag. Über eine mittelalterliche Steinbrücke führte der Weg durch die Schlucht Canal del Tejo steil bergauf nach Bulnes (647 m), dem letzten Dorf Spaniens, das bis 2001 (!) nur zu Fuß erreichbar war. Dann wurde eine Standseilbahn gebaut, die heute eine eigene Touristenattraktion darstellt. Kurz hinter Bulnes gab eine Lücke im Bergwald erstmals den Blick auf den charakteristischsten Berg Spaniens frei, den Picu Urriellu, auch Naranjo de Bulnes (Zahn von Bulnes) genannt. Bild7 Er ist einer der beliebtesten und schwierigsten Kletterberge der Welt. Der Weg führte leicht ansteigend über Bergweiden zum Pass Collade de Pandebano (1212 m), wo ein Weg abzweigte zum Refugio direkt unter dem Naranjo. Das wäre sicher auch eine grandiose Übernachtungsmöglichkeit gewesen, mir war bei der Planung aber nicht bewusst gewesen, dass dieses Refugio so leicht zu erreichen gewesen wäre. So stieg ich in endlosen heißen Kehren die Asphaltstraße hinunter ins Tal zu einer Straßenkreuzung auf 900 m Höhe, wo es zwei Alternativen gab: Ein steiler Aufstieg von 150 Höhenmetern auf der Straße nach Sotres, einem etwas größeren Bergdorf mit drei Unterkunftsmöglichkeiten, oder ein eher gemächlich aussehender Schotterweg durch ein Hochtal mit der Option, die Picosüberquerung schon heute in Espiama zu beenden. Da es erst 14 Uhr und herrliches Wetter war, hatte ich noch keine Lust, bereits eine Unterkunft aufzusuchen, und entschied mich fürs Weitergehen durch das zunächst sanft ansteigende Tal des Duje, der das östliche und zentrale Massiv der Picos von-einander trennt.

Bild8 Nach langem, stetigem Aufstieg entlang des Flüsschens durch die Hochweiden kam ich gegen 17 Uhr an der Kapelle Virgen de las Nieves (Madonna des Schnees) auf ca. 1400 m an, die sehr malerisch mitten in den endlosen Wiesen des Hochtals zwischen den grasenden Rinder-, Schaf- und Pferdeherden steht. Dieses friedliche Miteinander der unterschiedlichen Weidetiere habe ich so zum ersten Mal gesehen, ein geradezu paradiesisch anmutender Anblick. Nun stand wieder eine Entscheidung an, weiter bergab ins Tal oder eine Übernachtung im weithin sichtbaren ca. 250 m Höhenmeter weiter oben am Berghang gelegenen Refugio und damit ein weiterer Tag in den Picos. Ein Blick auf die Wetterapp ergab: Am nächsten Tag nochmal traumhaftes Bergwetter, danach Ankunft eines Tiefdruckgebiets. Dieses und die Schönheit der Natur um mich herum gaben den Ausschlag, ich konnte mich einfach noch nicht trennen und machte mich an den Aufstieg zum Refugio. Zu meinem Leidwesen entpuppte sich selbiges als relativ teures Berghotel de Alvia ohne Lagerplätze, aber ich gönnte mir den Luxus des Einzelzimmers. Bild9


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5. Juli 2017

Am Morgen nutze ich den im Übernachtungspreis inbegriffenen Shuttelservice des Hotels und ließ mich mit leichtem Tagesrucksack im Landrover bis zur 4 km entfernt liegenden Bergstation der Seilbahn von Fuente De auf 1900m fahren. Von dort führte ein Weg durch hochalpines Gelände auf den Pass Horcados Rojos (2343m), den ich ohne das Tourengepäck gefühlt leicht und schnell wie eine Gämse erklimmen konnte. Von dort konnte ich neben einem weiten Blick ins Nachbartal auch die Rückseite des Naranjo de Bulnes bewundern.

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Ein kleiner Abstecher führt mich auch noch zum Refugio Cabana de Veronica, dessen weiße Kuppel wie eine futuristische Mondstation auf einem Felsrücken thront. Es bietet nur 3 Notfallschlafplätze, Heizung und Kochgelegenheit und einen Ranger mit Funkgerät.

Den Rückweg zum Hotel legte ich natürlich zu Fuß zurück, schulterte wieder meinen Tourenrucksack und machte ich an den endgültigen Abstieg aus den Picos. Nach weiteren 2 Stunden Abstieg verließ ich die Hochweiden und wanderte ostwärts durch liebliche Wiesen- und Waldlandschaft auf halber Höhe des Deva-Tals, in dem sich unten die Nationalstraße am Fluss entlangschlängelt. Die morgendliche Extratour machte sich am späten Nachmittag dann doch bemerkbar, und ich war vollkommen erledigt, als ich endlich in Mogrovejo (650m) ankam. In diesem äußerst pittoresken Ort mit mittelalterlichem Wehrturm und Steinhäusern hat man das Gefühl, die Zeit sei stehen geblieben. Es verwundert nicht, dass er als Dörfli beim Dreh einer Neuverfilmung von Heidi eine gewisse Berühmtheit erlangt hat. Zwei Colas in einer der Bars belebten mich wieder soweit, dass ich einen Rundgang durchs Dorf machen konnte. Leider gab es in diesem Ort keine Übernachtungsmöglichkeit, glücklicherweise war aber ein junges spanisches Paar, das ich auf dem Parkplatz ansprach, bereit, mich bis ganz hinunter ins Tal nach Baro zur nächsten Herberge im Auto mitzunehmen. Weitere 2 Stunden Fußmarsch wären zwar machbar, aber unangenehm gewesen. Ich bekam ein Bett in einem Viererzimmer, und nach einer ausgedehnten Dusche genoss ich bei einer Pizza auf der Terrasse die letzten Sonnenstrahlen des Tages, glücklich und zutiefst dankbar für diese wunderschöne Tour.
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Wiebke Kiehn

P.S.
Die Wegbeschreibung für den Pilgerweg nach Santo Toribio und die Ruta da Riconquista bekommt man kostenlos unter: info@conrad-stein-verlag.de