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Aufstieg zum Aperer Freiger
Bild1 Ein Bericht von Camillo Dürichen - Fotos: Camillo, Robert, Patrick

Wir wollten mal richtig hoch hinauskommen. Der Weg war weit. Brücken waren weggerissen. Gletscher zogen sich ins Tal. Eisbrocken in den Fluten. Ein Gewitter mit heftigem Regen zog an uns vorbei. Bäche traten über die Ufer. Am Ende versank alles in den Wolken. Eine ganz normale Wanderung halt ... dachten wir zumindest am Anfang, aber es sollte alles ganz anders kommen.

Bild2 Robert und Patrick waren bereits am Abend zuvor im Stubaital eingetroffen und hatten in der Nacht einen unglaublichen Sternenhimmel. Nur der Bach und die Wasserfälle nebenan waren wohl ein bisschen laut. Ich bin am Samstagmorgen 3:30 Uhr aufgestanden, um über Innsbruck ins Stubaital zu fahren. Während der Fahrt zuckten immer wieder Blitze durch die dunkle Nacht und in Innsbruck schüttete es heftig. Bei Ankunft an der Grawa Alm (1530 m) war der Himmel wieder wolkenlos und die Wanderung konnte beginnen (6:30 Uhr).
Vom Haltepunkt Sulzenauhütte stiegen wir von der Straße durch den Wald neben dem mächtigen Grawa Wasserfall (85 m breit, 180 m hoch) hinauf. Der Weg war einfach zu gehen und wir gewannen schnell an Höhe. Oberhalb des Wasserfalls begann das breite Tal der Sulzenautal Alm (1847 m), wo wir zwei provisorische Brücken über den wilden Sulzbach passierten. Am Ende des Tals oberhalb eines weiteren Wasserfalls befand sich die Sulzenauhütte (2191 m). Nach ca. 2 h (vom Parkplatz) haben wir die Hütte erreicht und machten Brotzeit bei Sonnenschein mit Blick auf den Aperer Freiger und den daneben befindlichen Gletscher.
Von der Sulzenauhütte folgten wir dem Weg Richtung Aperer Freiger, standen aber schon bald vor einer eingestürzten Betonbrücke über den wilden Sulzbach. Wie sollten wir da nur drüber kommen? Oberhalb der ehemaligen Brücke schien der Bach flacher und breiter zu werden. In vielen kleinen Wasserläufen schlängelte sich der Bach fast über die gesamte Breite des Talbodens. Die ersten Seitenarme waren schnell übersprungen, bis wir wieder an einer Stelle nicht weiter kamen, weil das Wasser einfach zu breit war. Weiter flussaufwärts hatten wir dann mehr Glück und konnten den Bach queren. Doch wie nun weiter, denn hier gab es keinen Weg? Wir stiegen einen breiten steilen Geröllhang hinauf und fanden oberhalb der Blauen Lacke den Weg zum Aussichtspunkt Hundsheim wieder. Vom Aussichtspunkt konnte der Aufstieg mit den letzten 400 Hm Blockkletterei beginnen. Der Weg zwischen den großen Brocken war gut markiert. Der Kamm war breit, so dass wir bequem mit Händen und Füßen von Block zu Block weiterklettern konnten. Bei Nässe oder Schnee ist diese Kletterei im zweiten Schwierigkeitsgrad (UIAA-Skala) allerdings nicht zu empfehlen. Der Wechsel aus Sonne und Wolken erzeugte eine unglaublich farbliche Vielfalt aus Licht und Schatten an den kargen Berghängen in Kombination mit den weiß leuchtenden Gletscherströmen.
Bild3
Der Gipfel mit Kreuz ragt aus einem Meer von Eis heraus. Auf drei Seiten ist der Aperer Freiger von Gletschern umgeben. Im Osten befindet sich der Wilder Freiger (3418 m), im Süden erheben sich der Wilder Pfaff (3458 m) und das Zuckerhütl (3507 m) – der höchste Gipfel im Stubai. Im Nordwesten sahen wir unseren langen Aufstiegsweg von der Sulzenauhütte und unseren weiteren Weg vorbei am Sulzenausee, über das Peiljoch (2676 m) bis zur Dresdner Hütte – unserem heutigen Tagesziel. Der Aufstieg war einfacher als gedacht, aber wir haben doch ein bisschen die Höhe zu spüren bekommen.
Vor der Blockkletterei im Abstieg hatte ich großen Respekt. Langsam wagte ich mich vor und musste mit der Zeit feststellen, dass der Abstieg über die großen Blöcke fast einfacher als der Aufstieg war. Mit jedem Block verloren wir weitere Höhenmeter und waren schon bald wieder am Aussichtspunkt Hundsheim. Wir wählten den Weg Richtung Peiljoch und begannen mit dem Abstieg zum Sulzenausee.

Bild4 Obwohl wir den See mit den darauf schwimmenden Eisbrocken ständig vor Augen hatten, haben wir gefühlt doch recht lange gebraucht, bis wir den See erreicht haben. Vielleicht lag es aber auch daran, dass sich unser Körper geweigert hat, auf der anderen Seite den steilen Aufstieg zum Peiljoch gleich angehen zu müssen. Uns drängte sich jedoch eine Frage auf – je näher wir dem See kamen. Wir folgten den Wegmarkierungen und standen plötzlich an einer Kante ca. 5 m über dem Sulzaubach, der breit und wild aus dem Gletschersee herausfloss. Auf der anderen Uferseite waren weitere Wegmarkierungen, aber von der Brücke war keine Spur zu sehen. Wie sollen wir über diesen eiskalten und reißenden Fluss kommen? Wir konnten den Fluss an dieser Stelle nicht durchqueren, denn das Wasser war trüb und wir konnten nicht einschätzen, wie tief das Wasser war.
Die Hälfte des Sees war mit Eis bedeckt. Dieses Eis reichte kurz vor dem Abfluss von unserer Seite fast bis zur anderen Seeseite und war mit einer Schicht aus dickem Schlamm überzogen. Das Eis hielt und der Schlamm war sehr fest. An der Eiskante trennten uns drei bis vier Meter vom anderen Ufer. Können wir da durchlaufen? Patrick war bereit den Test zu machen. Er zog Schuhe und Hosen aus und tastete sich mit einem Wanderstock vor. Das Wasser war eiskalt und der Wanderstock erreichte erst nach einem Meter den schlammigen Boden und sank weiter ein. Keine Chance, bei dem kalten Wasser und der Strömung die wenigen Meter zu überwinden.
Warum ist jede Brücke über den Sulzaubach zerstört und warum steht das nirgends? Was nun? Vielleicht gab es ja weiter unten eine Stelle, wo wir den Abfluss aus dem See nochmal queren können? Schnell mussten wir einsehen, dass " weiter unten " sehr weit unten heißt – mehr oder weniger da, wo wir am Morgen über den Bach gegangen sind, denn der Abfluss geht recht bald in einem hohen Wasserfall über, der in mehreren Kaskaden in die Tiefe stürzt.

Bild5 Da es langsam spät wurde und wir schon lange unterwegs waren, entschieden wir uns auf dem Sulzenausee-Rundweg hinab zur Blauen Lacke zu steigen und dann weiter zur Sulzenauhütte zu laufen. Während des Abstiegs verschlechterte sich das Wetter plötzlich. Über dem Gletscher waren dunkle Wolken aufgezogen und der Himmel über dem Nachbartal mit der Dresdner Hütte war fast schwarz. Donner war zu hören. Blitze zuckten. Wir beschleunigten unsere Schritte und erreichten die andere Seite der weggerissenen Betonbrücke vom Morgen. Keine Chance, den Bach hier zu queren. Es begann zu regnen.
Wir stiegen schnell weiter ab und fanden in der Nähe der Sulzenauhütte zwei provisorische Stege über den Bach. Die dunklen Wolken vom Nachbartal waren jetzt direkt über uns. Wir erreichten die Hütte gerade noch, bevor der heftige Wolkenbruch losbrach.
Die Hütte war warm und voll. In der Lübecker Stube wärmten wir uns auf und tranken Almdudler. Der Wirt sicherte uns zu, dass der Regen wohl in einer Stunde vorbei sein wird. Er sollte Recht behalten, denn Punkt 18:00 Uhr hörte der Regen auf. Wir füllten unsere Wasserflaschen und begannen mit dem anderthalbstündigen Abstieg zum Auto. Der Weg war jetzt deutlich schlammiger. Der Wasserfall unterhalb der Sulzenauhütte war jetzt wirklich kraftvoll und führte sehr viel Wasser. Im Tal der Sulzenau Alm war der Sulzaubach über die Ufer getreten und hat den daneben liegenden Weg geflutet. Wir mussten auf die daneben liegende Wiese ausweichen, um das Tal wieder zu verlassen. Ab dem Gwara Wasserfall konnten wir sehen, wie immer mehr Wolken in das Stubaital drängten. Als wir gegen 19:30 Uhr erschöpft das Auto erreichten, waren die Berge hinter dichten Wolken verschwunden.
Die Wanderung war unglaublich abwechslungsreich – Wald, Hochland, Klettern, Wasserfälle, Flüsse, Gletscher, Regen, Gewitter. Wir waren 13 Stunden unterwegs (inkl. Pausen), sind 26 km gelaufen, haben 1918 Hm erklommen und sind auf 3262 m hoch hinaus gekommen.
Robert und Patrick haben an diesem Abend wieder im Stubaital übernachtet und sind am nächsten Tag noch über die Dresdner Hütte auf den Großen Trögler (2902 m) gestiegen.
Recherchen haben ergeben, dass es eine Woche zuvor heftige Regenfälle gegeben hat, was im Sulzenausee, der als Trichter zwischen den Bergen liegt, eine Flutwelle ausgelöst und alle vier Brücken im Tal zerstört hat. Das Wasser muss eine unglaubliche Kraft gehabt haben, um ganze Betonbrücken fast spurlos wegzureißen. Für uns ärgerlich war, dass auf den großen Übersichtstafeln nicht auf die nicht vorhandenen Brücken hingewiesen wurde, was eventuell unsere Routenplanung beeinflusst hätte.