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Auf dem GR 5 vom Genfer See zum Val d´Isère
Ein Bericht von Dieter Hanselmann, Sektion Lübeck


Die Anreise: Von Basel nach Evian

Der helle Morgen auf der Fahrt von Basel nach Lausanne durch die Kantone Solothurn, Neuenburg und Waadt versprach gutes Wanderwetter. Die Silhouette der Berner-und Waadtländischen Alpen war durch das starke Gegenlicht kaum zu erkennen. Zwischen St. Blaise und Yverdon führt die Bahnstrecke 40 km am Nordwestufer des Neuenburger Sees entlang. Hier verstärkte sich der Blendeffekt noch durch das Glitzern der riesigen Wasserfläche. Um so schöner und wärmer lagen die Weinhänge am Nordwestufer des Sees in der Morgensonne, wenn man durch die gegenüberliegenden Fenster des Zuges schaute.
Der Zug fuhr pünktlich in den Bahnhof von Lausanne ein und wir hatten zum Glück noch fast eine halbe Stunde Zeit bis zur Abfahrt unseres Schiffes nach Evian am französischen Ufer des Genfer Sees, denn auf der Uferstraße von Vevey nach Morges, die wir auf dem Weg vom Bahnhof zum Schiffssteg überqueren mussten, bewegte sich ein schier unabsehbarer Heerwurm (im wahrsten Sinne des Wortes) der Schweizer Armee aus Lastwagen, Panzern und verladenen Kanonen in Richtung Nyon. Soldaten riegelten sämtliche Querstraßen ab, da gab es kein Durchkommen. Wir schauten abwechselnd auf diese Demonstration des eidgenössischen Verteidigungswillens und auf unsere Armbanduhren. Endlich, nach etwa zwanzig Minuten, rollte das letzte Fahrzeug vorbei und gab gerade noch rechtzeitig den Weg frei hinunter zum Hafen. Die vormittägliche frühsommerliche Stimmung über dem See und den französischen und schweizerischen Alpen beflügelte unsere Auftriebskräfte im Gedanken an die geplante Tour.

1. Tag: Von Evian nach Chevenoz - Heilwasser mit Breitbandwirkung

In Evian les Bains besuchten wir die berühmten Kuranlagen und in der großen Trinkhalle probierten wir das alkalische Mineralwasser, dem heilende Wirkung gegen Krankheiten des Darmes, der Harn- und Geschlechtswerkzeuge (Meyers Lexikon von 1912) sowie gegen Gelenkbeschwerden zugeschrieben werden. Das breite Wirkungsspektrum, vor allem letztere Eigenschaft, brachte uns zu der Überlegung, ob wir uns vorsorglich einen Vorrat auf den Rucksack packen sollten. Wir entschieden uns dann aber, bei Bedarf auf dem Rückweg in Evian Station zu machen.
Die Kuranlagen befanden sich etwa 50 Meter über der Uferpromenade und gleich dahinter fanden wir eine Wegtafel nach dem Dorfe Forchez, das bereits 730 Meter hoch am Rande einer Hochfläche lag. Nach wenigen Minuten gab es einen Ausblick über die Kuppel des Badehauses hinweg auf den See bis hinüber nach Lausanne und das schweizerische Ufer. Wir stiegen etwa eine halbe Stunde durch den Bois de Forchez den Hang hinauf bis sich der Wald lichtete und wir den gleichnamigen Ort erreichten.
Dent_d_Oche Im Osten ragte der elegante Felszahn des Dent d'Oche, 2222 m, in den Himmel. Am nächsten Tag sollten wir dem von Süden aus weniger spektakulär geformten Gipfel am Col du Baron gegenüber stehen.
Weiter ging es mit moderater Steigung quer über das landwirtschaftlich kleinteilige Plateau mit Wiesen, Waldstücken und verglichen mit norddeutschen Verhältnissen winzigen Äckern nach Verossier und dann nach Vers les Granges. Der Ort liegt immerhin bereits 900 m hoch. Gegen Abend erreichten wir über das Dorf Vinzier wieder leicht absteigend unser Tagesziel Chevenoz auf 750 m Meereshöhe. Die Häuser lagen ziemlich verstreut an den Hängen eines Tales, in welchem das Flüsschen Drance fließt, um bei Thonon in den Genfer See zu münden.
Nach einigem Suchen fanden wir die im Führer ausgewiesene Unterkunft mit einem Zettel an der Türe: Wir machen einen Besuch und kommen erst später zurück. Bitte melden sie sich bei dem Haus Nummer soundso viel. Dort erfuhren wir von einer älteren Dame, offenbar die Mutter der Wirtin, dass diese wohl erst nach 21 Uhr zurückkommen werde, es könne auch 22 Uhr werden. Sie könne uns allenfalls eine Suppe zurecht machen. Dieses Angebot nahmen wir gerne an, denn wir waren ziemlich hungrig und müde. Wir bekamen noch ein größeres Stück Brot als Suppeneinlage und waren rundum zufrieden.

2. Tag: Über den Col d'Oche zum Chalet de Bise - Entenescorte bis zur Hütte

Am Morgen mussten wir etwa einen Kilometer in westliche Richtung zurückgehen, um wieder auf die GR 5 zu gelangen, denn diese verlief jenseits des Bergkammes an dessen Südseite Chevenoz lag. Nach etwa zwei Stunden erreichten wir den Mont Baron, 1580 m, und schließlich, nach weiteren drei Stunden die 2000 Meter Marke am Chateau d'Oche, einem markanten Nachbarberg zum Dent d'Oche.
LacDeBise Wir befanden uns nun südlich des von Westen und Norden gesehen weithin die Landschaft beherrschenden Gipfels, dem letzten 2000er vor dem Ufer des Genfer Sees. Nach einer weiteren knappen Stunde erreichten wir die Stelle, wo eine Variante des GR 5 von St. Gingolph (direkt an der französisch – schweizerischen Grenze am Ufer des Genfer See gelegen), einmündete und beide Routen gemeinsam nach Süden verliefen. Der Himmel hatte sich mehr und mehr überzogenund auf dem Col de la Bise (Nordwindpass), fing es an zu regnen. So waren wir froh, als wir am frühen Abend in das trockene und warme, an dem kleinen Bergsee Lac de Bise gelegene Chalet de Bise, 1502 m, eintraten.
Als wir uns der Hütte näherten, erspähte uns ein buntscheckiges Entenpärchen auf dem See, kam stracks auf uns zu und lief erwartungsvoll hinter uns her. Der Erpel war völlig zutraulich und knabberte an meiner Hand in Erwartung von etwas genießbarem. Leider mussten wir sie enttäuschen, denn geeignetes Entenfutter wäre wohl im Rucksack gewesen, aber diesen wollten wir hier im Regen nicht auspacken, sehr zum Unverständnis der Tiere, denn für sie gab es kein schöneres Wetter.

3. Tag: Über den Pas de la Bosse nach Abondance - Abstieg mit Mondstiefeln

Nach der Wettervorhersage mussten wir für die nächsten Tage mit regnerischem oder zumindest sehr wechselhaftem Wetter rechnen. Es schien die ganze Nacht geregnet zu haben und es regnete immer noch, wenn auch nur leicht. Also brachen wir auf. Zuerst ging es 300 m aufwärts auf den Pas de la Bosse (Buckelpass), 1816 m, wofür wir eine Stunde brauchten. Da wir kaum eine Aussicht hatten, machten wir uns an den langen Abstieg hinunter nach la Chapelle d'Abondance, welches noch 1021 Meter hoch lag und für den im Führer zwei Stunden angegeben waren.
Es war der lehmigste, und rutschigste Abstieg unseres Bergsteigerlebens und wir brauchten über drei Stunden. Zwischen den Stollen der Vibramsohlen setzte sich der feuchte Lehm fest, wir rutschten dauernd aus, besonders auf steileren Wegstücken und kontaktierten mehrmals den lehmigen Untergrund mit unserem Allerwertesten.
Unsere Stiefel wurden durch den anhaftenden Lehm immer schwerer und oft hatten wir Mühe, sie aus dem Matsch wieder herauszuziehen. Erst weiter unten im flacheren Hochwald wurde der Untergrund stabiler. Dafür versperrten mehrmals größere, vom Sturm geworfene Fichten, deren regennasse Zweige und Stämme man mühsam über- oder unterklettern musste, unseren Weg. Entsprechend gezeichnet kamen wir in Abondance la Chapelle an. Hier fanden wir eine Unterkunft, in der wir uns und die Kleidung, wenn auch nur notdürftig, reinigen konnten.

Klosterkirche 4. Tag: Im Tal der Drance - Kreuzgangfresken vom Feinsten

Freundlicherweise kam im Tal der Dranse, hier der Oberlauf des Flusses an dem der Ort Chevenoz liegt, wo wir vorgestern übernachtet hatten, die Sonne heraus und schien warm auf unsere feuchten Schuhe und Kleider. Wir besorgten uns etwas Proviant und beschlossen, nach dem Mittagspicknick auf einer Bank in der Sonne, am Nachmittag die sechs Kilometer entlang der Drance abwärts nach Abondance Ville zu gehen, denn dort gibt es laut Führer eine Klosterkirche mit schönem Kreuzgang und bedeutenden Wandfresken aus dem 14. Jahrhundert.
Der Abstecher erwies sich als sehr lohnend. Die GR 5 verläuft im wesentlichen durch höheres Bergland, wo naturgemäß keine Kunstschätze aus früheren Jahrhunderten zu finden sind. Bei la Balme kamen wir an einigen sehr schönen, größeren, landestypischen savoyeser Gehöften vorbei.

5. Tag: Von Abondance la Chapelle zum Refuge de Lens - Glückliche Schweine und Schweineglück

Am nächsten Morgen führte der Weg etwa zwei Kilometer an der Landstraße in Richtung Châtel Dranse aufwärts und bog bei dem Weiler da la Pantiaz, wo es eine Brücke über die Dranse gab, nach Süden in ein Hochtal ab. Auf der Alp de la Torrens, 1750 m, kamen uns mehrere putzmuntere, blitzsaubere junge Schweine entgegen und begrüßten uns grunzend und quiekend und offensichtlich neugierig. Wahrscheinlich sorgten nur noch wenige Wanderer für Abwechslung, die sie bei diesem Schweineleben wohl auch nicht nötig hatten. Jedenfalls bestärkten sie uns in unserer Überzeugung, nur noch Schweinefleisch aus artgerechter Haltung zu essen. Am Nachmittag hatte sich das Wetter mehr und mehr eingetrübt, die Gipfel verschwanden im Nebel und es fing an zu regnen. Nach dem Pass Pointe des Mattes, 1900 m, führte der Weg längere Zeit mit wenig Gefälle abwärts bis zu einer Weggabelung mit dem Hinweisschild, dass man sich zum Refuge de Lens rechts halten musste und es bis dahin noch 30 Minuten Gehzeit waren.
Ein grundsätzliches Problem dieser Weitwanderung war die Tatsache, dass einige Hütten, vor allem höhergelegene, nur bis Ende August bewirtschaftet waren, mehrere hatten bis 15. September, einige bis 30. September und wieder andere nach Wetterlage geöffnet. Wir befanden uns noch in der ersten Septemberhälfte und hatten uns im vorherigen Quartier erkundigt und die Auskunft bekommen, dass diese Hütte noch offen sei. Bei unserer Ankunft an der Hütte war es sieben Uhr abends und wir erblickten einen Mann, der gerade dabei war, in ein Auto zu steigen. Uns traf ein erstaunter Blick. „Sind sie angemeldet? Ich bin gerade im Begriff ins Tal zu fahren, weil ich dachte, dass so spät und bei diesem Wetter keine Gäste mehr kommen würden. Den ganzen Tag wäre er alleine gewesen. Haben sie ein Glück gehabt, ommen sie herein!“ Die Hütte lag mitten im Bergwald, war nicht sehr groß und wirkte ziemlich urig, ganz aus Holz gebaut, das schon stark nachgedunkelt war. Für kurze Zeit hatte der Regen aufgehört und man sah in ein Tal hinunter mit mehreren Häusern und einer kleinen Fahrstraße die talauswärts führte.
Beim Abendessen kündigte sich ein Gewitter mit näher kommendem Donnergrollen an, dem bald grelle Blitze folgten und uns wurde nochmals bewusst, dass wir wieder einmal Glück gehabt hatten. Wir begaben uns früh in unser Lager, welches sich direkt unter dem Dach befand, verkrochen uns bald in unsere Schlafsäcke und unterhielten uns noch, bis das laute Prasseln des Regens eine Unterhaltung unmöglich machte.

6. Tag: Vom Refuge de Lens nach Samoens - Einmal Schweiz und zurück

GipfelImNebel Am Morgen waren der Bergwald und die Luft rund um die Hütte noch feucht vom nächtlichen Gewitter. Wenig später brach die Sonne immer öfter durch blaue Löcher in den Wolken. Wir genossen die wärmenden Strahlen auf unseren immer noch regenfeuchten Kleidern, wenn auch nur für Minuten. Unweit im Osten stießen die Zähne der Dents du Midi, 3257m, durch die Wolkendecke, um wie eine Fata Morgana gleich wieder hinter wallendem Nebel zu verschwinden.
Der Weg verlief auf einem Niveau von 1600 bis 1800 Metern in südöstlicher Richtung und erreichte am Col de Chesery 2000 Höhenmeter. Hier überschritten wir die französisch – schweizerische Grenze und erreichten ein Plateau mit zwei Bergseen, von denen einer wegen seiner leuchtend tiefgrünen Farbe 'Lac Vert' hies. Hier kam uns ein älterer Bergsteiger mit mittelgroßem Rucksack und einem Wanderstock entgegen und fragte uns nach seinem Weiterweg, den wir ihm anhand unserer Karte und aus eigener Anschauung beschreiben konnten. Er erzählte, er wäre vor einem Monat auf dem Monte Viso gewesen, mit 3800 Metern ein imposanter Bergriese im Piemont. Insgesamt sei er seit fast drei Monaten von den Seealpen nach Norden unterwegs gewesen, alleine und wolle nun zum Genfer See. Von dort wolle er mit dem Zug nach Hause fahren. Er nannte einen Ort im Würtembergischen, wo auch seine Tochter wohne. Er sei 70 Jahre alt und verbringe seit seiner Pensionierung jeden Sommer auf diese Weise in den Alpen. Voriges Jahr wäre er noch auf dem Mont Blanc gewesen, im Vorbeiwandern sozusagen, die Hochgebirgsausrüstung habe er sich auf einer Hütte ausgeliehen. Der Monte Viso wäre zwar 1000 Meter niedriger, aber immer noch eine anstrengende Tour in seinem Alter. Wir verabschiedeten uns mit Berg Heil und zogen in unseren vorgegebenen Richtungen weiter, er nach Norden und wir nach Süden.
Am See vorbei bog die GR 5 nach Süden ab und verlief auf der schweizerischen Seite bis zum Col de Coux, 1920 m, wo wir den Kanton Wallis verließen und wieder französischen Boden betraten. Nun folgte ein Abstieg von vier Stunden und 1200 Höhenmetern hinunter nach Samoens. Zu dem etwas seltsamen Ortsnamen fanden wir folgende Erklärung: Samoens ist eine mundartliche Verballhornung aus den beiden Wortteilen Sa = sept = sieben und moens = montains = Berge. Diese Bezeichnung geht auf das Jahr 1438 zurück, als Herzog Amédée 8. von Savoien den Bewohnern des Tales sieben Almgebiete (Berge) zur eigenständigen Bewirtschaftung überließ. Dem Namen des Herzogs sollten wir am Ende unserer Wanderung in Thonon am Genfer See noch einmal begegnen. Sehenswert in dem Ort sind das schmucke Bürgermeisterhaus, die über 550 Jahre alte, im Jahre 1438 anlässlich der Schenkung auf dem Marktplatz gepflanzte Marktlinde, rund um den Platz behäbige steinerne Bürgerhäuser aus regional abgebautem Kalkstein, die Kirche Maria Himmelfahrt mit originalem romanischem Turm aus dem 12. Jahrhundert und anderen Resten aus der romanischen Stilepoche und nicht zuletzt, laut Reiseführer einer der schönsten Alpengärten, wo auf einem 80 Meter hohen Hang und 3 Hektar Fläche mehr als 4500 Gebirgspflanzen aus fünf Erdteilen wachsen. Gestiftet wurde dieses botanische Kleinod von einer Madame Luise Cognac – Jay im Jahre 1904.
Am späten Nachmittag brachen wir zur letzten Wanderstrecke dieses Tages, am Giffre Fluss aufwärts nach Sixt–Fer-à-Cheval, auf. Der Weg hatte nur wenig Steigung und wir brauchten für diese acht Kilometer über zwei Stunden, denn wir ließen uns Zeit. Im Ort angekommen, nisteten wir uns in einer urig–hübschen Gîte ein und entwarfen den Plan für den morgigen Tag. Wir wollten zu einem landschaftlichen Höhepunkt, einer Gebirgsformation Fer à Cheval (übersetzt Hufeisen) wandern, einem halbrunden Talschluss, der von über 500 Meter hohen fast senkrechten Felsen gebildet wurde. Über diese nackten Wände stürzen sich viele kleinere und größere Gebirgsbäche. Wir hatten Postkarten dieser imposanten Landschaftsformation zu sehen bekommen und waren neugierig geworden.

7. Tag: Sixt Fer de Cheval

Doch beim Frühstück erfuhren wir von unserer Wirtin, dass es da ein Problem geben würde. Das Naturwunder wäre vermutlich nicht erreichbar. Durch den extrem heißen Sommer und die heftigen Regenfälle im Anschluss, hätte es mehrere größere Bergstürze gegeben durch die der Eingang zum Talkessel, sowie wohl auch Teile des Talkessels verschüttet wären. Offiziell wäre der Zugang gesperrt und nicht passierbar. Wir könnten ja versuchen, so weit wie möglich zu kommen, vielleicht wäre der Fahrweg schon wieder freigeräumt, denn normalerweise existiere für gehungewohnte Touristen ein Pendelverkehr mit einem Taxi. Falls wir umkehren müssten, gäbe es als Alternative noch einen zweiten Talschluss, vielleicht nicht ganz so spektakulär, aber trotzdem sehr sehenswert und imponierend. Man könne diesen ohne große Umwege und bei gleichen Gehzeiten erreichen. Aufgrund der Wetterprognose entschieden wir uns, den Vorschlag unserer Wirtin anzunehmen. Die etwa vier Stunden Entfernung waren für eine Tageswanderung in tieferen Lagen geeignet und die Weiterwanderung konnten wir gut um einen Tag verschieben.
Um es kurz zu machen, etwa einen Kilometer vor dem eigentlichen Hufeisental war der ganze Talboden übersät mit Geröll und Felsklötzen unterschiedlichster Größe. Wir wollten noch nicht aufgeben und versuchten, ein kleines Stück weit, die Hindernisse zu überklettern. Das wurde uns aber bald zu mühsam und außerdem drohte immer noch die Gefahr weiterer Steinlawinen, ausgelöst durch die neuerlichen Regenfälle der letzten Tage, denn es handelte sich nicht um Ausbrüche aus den Steilwänden, sondern um labil gewordene Geröllfelder und Schuttkare in den höheren Lagen und um Folgen des Auftauens des Permafrostbodens. Wir fanden den Ersatzhufeisentalkessel absolut faszinierend, besonders die Erscheinung, dass mehrere Bäche regelrecht aus dem Nebel zu stürzen schienen, der den oberen Rand der Wände umhüllte. Am Abend waren wir uns einig, dass auch dieses Ersatzprogramm eine sehr lohnende Runde war.

8. Tag: Aufstieg zum Refuge Alfred Wills - Waldschlucht und Wasserfälle

Die Wettervorhersage versprach eine allgemeine Wetterbesserung mit ersten Aufhellungen am Abend des nächsten Tages. Trotz leichten Regens gestaltete sich der vormittägliche Aufstieg Richtung Chalets d'Antern, zunächst am Laufe des Flüsschens de Salles, das einen tiefen Einschnitt zwischen zwei Berghänge ausgespült hatte, in botanischer und geologischer Hinsicht gleichermaßen interessant. An den Rinden der zum Teil uralten Bäume wuchs der Lappenfarn, während der Waldboden mit Wurm- und Adlerfarn bedeckt war. Auf Steinen und Felsen hatten sich verschiedene Moose und Flechten angesiedelt. Größere Klötze waren von jungen Laub- oder Nadelbäumen besiedelt worden, welche ihre Wurzeln seitlich an den Felsen auf der Suche nach Nahrung und Wasser hinunter Richtung Humus streckten. In regelmäßigen Abständen gab es Schilder auf denen zu lesen war, Pilze pflücken nur am 1. und 3. Samstag im Monat erlaubt. Wasserfall Auf der gegenüberliegenden Wand zeugten gewaltige Verwerfungen und Schichtungen im Gestein von den Kräften, denen die Gebirgsbildung zu verdanken war. Nach etwa einer Stunde kamen wir an den großartigen Wasserfall Cascade du Rouget auf 950 Metern Höhe gelegen. Genauer, er stand, denn das reichlich wasserführende Flüsschen stürzte direkt vor uns 60 Meter kaskadenartig in eine Gumpe. Nach weiteren 500 Metern Aufstieg erreichten wir in der Nähe von weiteren Wasserfällen (einer nannte sich bezeichnenderweise Cascade la Pleureuse – die Weinende) die Abzweigung zum Collet d'Anterne, 1900 m, den wir nach etwas mehr als einer Stunde erreichten. Hier hob sich die Wolkendecke vorübergehend und gab einen schönen Tiefblick hinunter nach Salvany und in das Tal von Sixt Fer-à-Cheval frei. Der Ortsname Sixt bezieht sich auf einen römischen Meilenstein, der hier gefunden wurde. Sechs römische Meilen entsprechen ungefähr den acht Kilometern von Samoen bis Sixt. Vermutlich existierte schon zur Römerzeit eine Militärstation oder sogar eine Siedlung auf dem Boden des heutigen Samoens, denn Savoyen war damals von Kelten besiedelt.
Auf dem Weiterweg zum Refuge d'Anterne hüllte uns erneut der Nebel ein und verlieh der Umgebung etwas Geheimnisvolles, wenn größere, oft bewachsene Felsen oder kleine verkrüppelte Bäumchen auftauchten und hinter uns wieder im Nebel verschwanden.
Wir wanderten über relativ flaches Almgelände, es waren aber keine Tiergeräusche zu hören. Offenbar war schon abgetrieben worden. Nur selten war der Laut eines kleinen, im Nebel unsichtbaren Vogels zu hören. Aber es regnete nicht mehr. Und plötzlich stand für wenige Minuten das schneeweiße Gipfelmassiv des Mont Blanc ins Blau des Himmels ragend vor uns, fast zum Greifen nahe. Das war der Beginn der versprochenen abendlichen Aufhellungen und der Anfang zu elf sonnigen, warmen Wandertagen.
Auf dem Refuge d'Anterne (Refuge Alfred Wills), 1808 m, waren außer uns noch fünf Engländer. Der Wirt kreierte für uns ein wahres Gourmet – Fondue, vielleicht das leckerste, das wir je gegessen hatten. Dazu gab es frisch aufgebackenes, rustikales französisches Weißbrot. Besonders für Signe sind hervorragendes Essen, nach eigener Aussage, Hauptgedächtnisstütze für Hütten, in denen wir übernachtet hatten, die meisten lagen in Frankreich.

9. Tag: Weiter hoch zum Col d'Anterne - Steiffschafe am Lac d'Anterne
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In der Nacht hatte es aufgeklart und der morgendliche Blick aus dem Hüttenfenster versprach optimales Bergwetter. Bei unserem Aufbruch lagen die umgebenden Gipfel bereits in der Morgensonne. Die Hütte liegt in einer Art Almdorf mit mehreren Wohn- und Stallgebäuden in einem weiten Hochtal, das sich in drei Stufen zum Col d'Anterne emporschwingt. Als wir die zweite Talstufe erreichten, hatten wir einen schönen Blick zurück auf die Alm- und Hüttenlandschaft der unteren Stufe. Vor uns lag der Lac d'Anterne in der Vormittagssonne. Der ansehnliche Bergsee füllte etwa ein Viertel des Talbodens aus.
Schafe Der vergletscherte flache Gipfel des Mont Bue, 3200 m, erhob sich, hinter der vorgelagerten Bergkette, mit jedem Meter, den wir höher stiegen, machtvoller empor. Auf den seitlichen Hängen bewegte sich grasend eine Herde weißer Schafe. Die Tiere sahen zwar hin und wieder in unsere Richtung, nahmen aber wenig Notiz von uns. Am Rande der dritten und letzten Stufe dominierte der Blick zurück und hinab auf den blaugrünen Spiegel des Sees. Die Farbe des glasklaren Wassers wechselte je nach Wassertiefe und Beschaffenheit des Seebodens.
Hier kamen uns hübsche, kleine schneeweiße Schafe mit schwarzen Nasen, Ohren, Hörnern und Hufen neugierig entgegen. Sie sahen zu drollig aus. Nach der gegenseitigen Beschnüffelung und einem kurzen Plausch mit dem Leithammelchen machten wir uns auf Richtung Passhöhe, welche wir gegen Mittag erreichten.
Die dritte Talstufe war deutlich kleiner, denn die Bergwände zu beiden Talseiten wandten sich mehr und mehr nach innen auf einander zu und bildeten einen Halbkreis mit einem Sattel dazwischen, den Col d'Anterne, 2257 m. Auf der Passhöhe angekommen, mussten wir erst einmal Luft holen, weniger wegen dem letzten, steileren Aufstieg, sondern wegen dem atemberaubenden Panorama, besonders auf die Eisriesen der Westalpen, dominiert vom eisgepanzerten Mont Blanc Massiv. Wer zählt die Gipfel, nennt die Namen?

Col de Brevent Über den Col de Brevent zum Refuge Lachat - Im Banne des Mont Blanc
Vom Tal von Chamonix trennte uns nur noch eine felsige Gebirgskette, das Massif des Aiguilles, mit der Aiguille de la Florida, 2888 m, als höchster Erhebung. Nachdem wir uns von dem Rundumpanorama etwas erholt hatten, empfahl uns der kühle Passwind in die sonnig-warmen Hänge der Südseite abzusteigen. Nur 250 Meter tiefer lag das Refuge de Moede Anterne in der Mittagssonne. Rundherum saßen oder lagen Bergsteiger und genossen die wärmenden Strahlen mit Blick auf die Gletscherwelt im Osten und Süden. Wir wollten noch weiter absteigen entlang des Baches Torrent de Maege bis zu der Stelle, wo ein Seitentälchen einmündete und eine kleine Brücke auf die andere Seite des Baches führte. Hier begann ein gut sichtbarer Steig mit zunächst gemächlicher Steigung hinauf zum Col de Brevent, 2368 m. Dieser Aufstieg von 750 Metern bildete das Programm für den Nachmittag. Zuvor aber war es an der Zeit für eine ausgiebige Mittagspause. Die einzigen Geräusche waren das Plätschern des Baches und das Rascheln der Pflanzen am Bachufer im mittäglichen Aufwind, zuweilen noch das Muhen von Jungrindern auf den Weiden gegenüber.
Gegen 16 Uhr standen wir auf dem Col du Brevant. Bis zu unserem Nächtigungsziel, dem Refuge Bel Lachat, 2130 m, erwartete uns noch eine Kammwanderung von knapp zwei Stunden. Auf dem Sommet du Brévent, 2526 m, dem letzten Gipfel der langen Kette der Aiguilles über 2000 m steht die Bergstation der Drahtseilbahn von Chamonix herauf. Steinböcke Auf der gesamten Länge des Kammweges standen wir dem Mont Blanc Massiv Auge in Auge gegenüber. Ich musste an das Foto im Alpenvereinsheft denken, das als Demonstration des vergangenen heißen Bergsommers einen Bergsteiger in Badehose mit Steigeisen auf dem Gipfel zeigte. Unten im Tal füllten die Häuser von Chamonix den gesamten Talboden wie ein Bergsturz aus. Von dem einstigen Bergsteigerdorf des 19. Jahrhunderts ist, zumindest von oben, kaumn och etwas zu erahnen. Auch die riesigen Gletscherzungen, die auf alten Darstellungen bis auf den Talboden herunterflossen, enden ausgedünnt auf halber Höhe.
Nahe der Bergstation hörten wir die Ansage der letzten Talfahrt um 17 Uhr. Unweit der Station sahen wir ein Rudel Steinböcke in einem etwas tiefer gelegenen Felslabyrinth. Der Späher auf einem erhöhten Punkt winkte mit dem rechten Vorderbein hinunter zu seinen Artgenossen, was wohl bedeutete: Ihr könnt kommen, die Touristen sind alle abgefahren, denn sogleich setzte sich die ganze Truppe in Richtung Kammhöhe in Bewegung. An uns schienen sie sich nicht zu stören und so gelang mir auch noch ein Foto von den Tieren.
Am Refuge Bel Lachat wurden wir von der Hüttenwirtin freundlich empfangen. Wir waren die einzigen Übernachtungsgäste. Vor und nach dem Sonnenuntergang erlebten wir noch fast unbeschreibliche Farbenspiele, die das Abendrot und die lange Dämmerung auf die gegenüberliegende Gletscherwelt zauberte. Glacier de Bionnassay Als um unsere Hütte auf 2000 m fast schon Dunkelheit herrschte und am Firmament immer mehr Sterne zu sehen waren, lagen die weißen Flächen des Mont Blanc immer noch im rosigen Widerschein des vergehenden Tages.

10. Tag: Abstieg nach Houches und weiter nach Bionnassay - Das schönste Bergdorf unserer Tour

Weil uns der berühmte Ort (Chamonix) auch bei Sonnenschein wenig verlockte, folgten wir den Wegweisern der GR 5 und stiegen Richtung Houches auf 1000 m ab. Das Mont Blanc Massiv lag nun im gleißenden Licht des frühen Vormittages.
Der liebenswerte Ort (Reiseführer) liegt am Fuße der Aiguille du Gouter, 3880 m, was laut Langenscheidts Wörterbuch, mit Vesperbrot oder Nachmittagskaffee übersetzt wird, aber möglicherweise gibt es noch andere Bedeutunen. Die Zunge des Glacier de Bionnassay reicht bis 1700 m herab. Der Ortsname Houches stammt aus dem Keltischen und bedeutet so viel wie urbar gemachtes, bebautes Land (Getreide). Bionnassay Sehenswert im Ort ist die 1766 fertiggestellte Kirche mit einem kuriosen Zwiebelturm. Über den Col de Voza, 1863 m, erreichten wir Bionnassay, 1314 m, ein hübsches, blumengeschmücktes Bergdorf mit alten Holzhäusern und -balkonen. Da es eine dem übrigen Ortsbild entsprechende Gîte gab, entschlossen wir uns, hier diesen Wandertag zu beenden.

11.Tag: Das Tal des Torront Bon Nant - Ein Hauch von Himalaja Trekking

Die Morgensonne beim Frühstück beflügelte unsere Wanderschuhe und so waren wir bald wieder unterwegs. Doch wie wir am Abend feststellen konnten, hätten wir die Flügel für diese Tagestour gar nicht benötigt, denn es ging zuerst nur moderat bergab und den Rest des Tages ebenso wieder bergauf. Nach einer Stunde kamen wir in das Village le Champel, das noch etwa 150 Meter über dem Talgrund lag. Wieder 15 Minuten später kamen wir im Talboden an das Flüsschen Bon Nant. An dessen Ufer entlang wanderten wir talaufwärts bis zu dem Ort Contamines Montjoie, nach dem Langenscheidt übersetzt verseuchter (oder vergifteter) Berg des Frohsinns. Signes Erklärungsvorschlag war, dass der erste Teil des Ortsnamens darauf hinweisen könnte, dass bei früheren Bergbauarbeiten kontaminierte quecksilber- oder bleihaltige Schlacke entstanden war. Für den Ursprung dieser, sagen wir einmal etwas widersprüchlichen Ortsbezeichnung konnten wir im Führer eine plausible Erklärung finden: Der vordere Wortteil stammt von dem Lateinischen Condominium und bezeichnet ein Besitztum über welches mehrere Herren, z. B. Adelige, ein Verfügungsrecht haben – hier dürfte es sich um die mittelalterliche Erzgewinnung handeln.
Viertausender Auf der östlichen Talseite begleiteten uns Kilometer um Kilometer tannengrüne Berghänge. Darüber immer neue Viertausender Gipfel in strahlendem Weiß unter dunkelblauem fast wolkenlosem Himmel. Manchmal hatten wir das Gefühl in Nepal unterwegs zu sein.
Gegen Mittag kamen wir zur Wallfahrtskirche Notre Dame de la Gorge. Der Name bezeichnet deren Lage am Eingang einer Schlucht des Torrent Bon Nant. Die Kirche selbst steht auf einem freundlichen begrünten Gelände mit Wiesen und Blumen und vereinzelten Bäumen, eingerahmt von gemischtem Wald. Rund um die Kirche befanden sich Bänke, teils im Schatten, teils in der Sonne, die zu einer Mittagspause einluden.
Notre Dame de la Gorge Zusammen mit der ansprechenden Architektur der eher kleinen Kirche wirkte der Platz sehr idyllisch. Von der Innenausstattung sind uns Dutzende von beschriebenen und gemalten Votivtafeln in Erinnerung, wo der Dank an die hilfreiche Maria für die Heilung von Verletzungen oder Krankheiten oder die Errettung aus lebensgefährlichen Situationen ausgedrückt wird. Aus den in der Regel angebrachten Datierungen war zu entnehmen, dass die oft sehr drastisch beschriebenen oder gemalten Ereignisse zum Teil schon Jahrzehnte und sogar Jahrhunderte zurücklagen, einige aber auch erst wenige Monate oder Jahre.
Am frühen Nachmittag machten wir uns auf den Weiterweg nach Süden. Da unser Tagespensum heute nur fünf Stunden betrug und wir die Hälfte schon hinter uns hatten, konnten wir das beständig schöne Wetter und die wunderbare Landschaft in Ruhe genießen. Der Weg führte immer weiter am Flussufer mit leichter Steigung auf einen Gebirgsstock zu, der das Tal im Süden abriegelte (Aiguilles de la Pennaz, 2684 m). Wir erreichten Nante Borrant, 1400 m, und schließlich die Almen La Balme, 1706 m, unser Tagesziel.

12 Tag: Über den Col de Bonhomme zum Refuge de Presset - Hochalpencabane mit WC

Die Route der GR 5 führte die nächsten zwei Etappen durch alpines Gelände zwischen 2000 m und 2600 m: Col du Bonhomme, 2329 m, Col de la Croix du Bonhomme, 2483 m, Col du Grand Fond, 2671 m.
Hier bot sich ein imposanter Tiefblick hinunter und hinaus nach Aime im Val d'Isère. Schräg gegenüber ragte ein dem Matterhorn nicht unähnlicher Felszahn in den Abendhimmel. Überhaupt gab es im Passgelände viele fantasieanregende Felsformationen, manche erinnerten an die berühmten Steinskulpturen von den Osterinseln. Der Zahn, la Pierra Menta, ist 2714 m hoch und stellte sich beim Abstieg am nächsten Morgen als Abschlussgipfel eines längeren felsigen Grates dar. Nur 100 Meter tiefer lockte ein kleiner, von mächtigen Felswänden seitlich eingerahmter See mit kristallklarem Wasser, einer Verlockung, der ich nicht widerstehen konnte. Signe war das Wasser zu kalt und das Hineinkommen zu steinig, sie beließ es bei einem Fußbad. Nochmals 50 Meter tiefer sah man schon das Dach des Refuge de Presset, einer sympathischen, urigen, echt französischen Bergsteigerhütte, die von einem jungen Paar bewirtschaftet wurde. Alles musste von einem Parkplatz, jenseits des Col du Bresson, über eine Stunde weit auf dem Rücken herübergetragen werden. Die Toilette befand sich in einem Schuppen etwa 10 Meter von der Hütte entfernt.
Sie bestand aus einem etwa 1 ½ qm großen Raum mit einem Loch im Boden und einem Besen für Zielverfehlungen. Daneben stand ein Eimer Wasser um der Bezeichnung WC gerecht zu werden. Die Tür war nicht verschließbar und es gab natürlich kein Licht. An der Außenwand der Berghütte befand sich die Waschgelegenheit: ein Trog als Waschbecken und darüber ein Plastikkanister mit einem Wasserhahn. Voila la source, sagte die Wirtin und hing einen vollen Wasserkanister, den sie gerade von der Quelle geholt hatte, über den Trog.
Außer uns waren noch acht französische Bergsteiger auf der Hütte. Bei dem spärlichen Licht, das durch die kleinen Dachfenster drang, machten wir unsere Betten. Dann gingen wir auf die Terrasse, genossen die warme Abendsonne und die traumhafte Aussicht. Mit Sonnenuntergang wurde es sofort sehr kühl und so begab sich alles in die Hütte zum Abendessen. Natürlich gab es ein mehrgängiges französisches Menü mit verschiedenen Salaten und naturellement du Vin rouge exeptionell. Bei den abendlichen Tischgesprächen wurden mehrmals unsere guten Französischkenntnisse gelobt, denn die Franzosen sind sehr höfliche Menschen. Jedenfalls funktionierte die Unterhaltung. Wir waren nun schon zwölf Tage in Frankreich unterwegs und hatten außer dem alten Bergsteiger am Col de Chesery keine Deutschen getroffen und waren so gezwungen, täglich etwas Französisch zu sprechen. Es kam immer wieder vor, dass wir auf französisch angesprochen wurden und Fragen nach dem Woher, dem Wohin, dem Weg, dem zu erwartenden Wetter, den Unterkünften usw. beantworten mussten und oft auch konnten.

13. Tag: Abstieg nach Aime im Val d'Isère - Kalenderblatt und Spiegelsee

Lac de Anvers In der Hütte hing ein großer Bergkalender, den ich abnahm und durchblätterte, wobei mir ein Monatsbild besonders auffiel. Es stellte einen Bergsee dar, in dem sich ein kühner Felszahn spiegelte. Das Foto erinnerte mich an den Bergsee oberhalb der Hütte. Wir hatten aber im Abstieg keine Spiegelung des kleinen Matterhornes in dem See bemerkt. Darum wollte ich am Morgen noch einmal hinaufsteigen, um selbst dieses imposante Foto zu machen.
Nach dem Frühstück stiegen wir ohne Rucksack hinauf an den See und trauten unseren Augen kaum, denn alle umliegenden Gipfel und Wände spiegelten sich in dem glasklaren, absolut glatten Wasser und bei der Umrundung des Seeufers erschien plötzlich auch das Felshorn auf der Wasserfläche, faszinierend! Wir konnten uns noch nicht zum Abstieg entscheiden und wanderten fast ohne Steigung den sonnenwarmen Hang entlang hinüber zum Col du Bresson am Fuße des Gipfelaufbaus unseres Matterhorns. Vom Col hatte man eine schöne Sicht auf den Lac de Roseland und die Ortschaft Beaufort im Nordwesten. Irgendwann mussten wir uns doch entschließen, ins Val d'Isère abzusteigen.
Der oben weite, beim Hinuntersteigen enger werdende Talkessel, ließ nur noch den Blick nach Südosten auf die Massive La Grande Motte, 3656 m, und La Grande Casse, 3852 m, frei. Berge mit der Höhe von Großvenediger und Großglockner, deren Namen für uns völlig neu waren.
Gipfel zwischen 2500 und 3000 Metern verschwammen im samtenen vormittäglichen Dunst, die höheren ragten darüber in den klaren, blauen Himmel. Das muntere Flüsschen l'Ormente, das seinen Ursprung im Spiegelsee hatte, begleitete unseren Abstieg bis hinunter nach Aime. Ein Morgenbad nahe dem Refuge Communale de la Balme, immer noch 1900 Meter hoch gelegen, sorgte für Erfrischung und Entspannung für den weiteren Weg talwärts, denn wir hatten immer noch 1200 Meter Abstieg vor uns.

14., 15. und 16. Tag: Ausklang am Lac d'Annecy - Abschied vom Weißen Berg

Als nächste Übernachtungsmöglichkeit bot sich Aime an. Aime hat einen Bahnhof, von dem aus man die Isère aufwärts Richtung Bourg St. Maurice und talwärts Richtung Moutiers und weiter nach Albertville gelangen konnte. Wir hatten noch sechs Tage Zeit. Der weitere Verlauf der GR 5 führte in ziemlich abgelegene Gebiete ohne Bahnanschluss. Dazu kam, dass es bereits Mitte September war und die meisten Hütten den 15. als Schließungstermin angaben. Wir entschlossen uns, den Grande Randonnée zu verlassen und solange das schöne spätsommerliche Wetter noch anhielt, am Lac d'Annecy kleinere Touren zu machen. Wir nahmen den Zug um 10 Uhr vormittags, stiegen in Albertville um nach Annecy und kurz vor dem Südende des Sees in Doussard wieder aus.
Der See ist 14 km lang und zwischen einem und zweieinhalb Kilometern breit. Er gilt als der sauberste Badesee in den gesamten Alpen. Jedenfalls hatte er ein kristallklares Wasser und eine Sichttiefe von acht bis zehn Metern. Die Wassertemperatur betrug noch 18 bis 20 Grad, obwohl die klaren Nächte auch hier unten auf 450 Metern schon recht kühl waren. Das südwestliche Seeufer rahmen Mittelgebirgshöhen von 900 bis 1700 Metern Höhe (Crête de Chatillon), das nordöstliche Ufer überragen einige Zweitausendergipfel (Tournette 2357 m). Eine Kreuzweganlage führte hinauf zu einem Aussichtspunkt, von dem aus man große Teile des Sees überblicken konnte. Die Farbe des Wassers variierte von tiefblau bis zu hell blaugrün, je nachdem welche Farben der Umgebung sich in das Blau des Himmels mischten. Am späten Nachmittag erreichten wir Annecy, ein hübsches Städtchen am Nordwestende des Sees gelegen. Wir mussten noch etwa sechs Kilometer bis Veyrier, weitergehen, was uns am nächsten Tag den Aufstieg von 1300 Höhenmetern auf die Dents de Lanfon, 1834 m, eineinhalb Stunden verkürzen würde. Gerne hätten wir das Schiff genommen, aber auch hier war die Saison am 15. September zu Ende und es gab nur noch sporadische Fahrten am Wochenende. Dafür gab es in den im Hochsommer überfüllten Badeorten auch keine Quartierprobleme mehr. Wir hatten freie Auswahl zwischen allen Preiskategorien. Vollsaison hatten nur die Gleitschirmflieger jeglicher Bauart, die die Lüfte über den Südwesthängen bis in den frühen Abend bevölkerten und in ihrer Buntheit das Gelb und Grau der Felsen und das Dunkelgrün des Hangwaldes belebten. Startplatz war eine Plattform nahe der Station einer Seilbahn.
Am nächsten Morgen kamen uns Zweifel an der Zeitangabe von dreieinhalb Stunden bis auf den Gipfel, der relativ nahe herunter grüßte. Als nunmehr gut trainierte Bergsteiger, heute nur mit Tagesgepäck, würden wir die angegebene Zeit sicher um einiges unterbieten können, dachten wir. Zunächst näherten wir uns dem malerisch erhöht gelegenen Schloss Menthon. Der schöne Park ging ohne Abgrenzung in das umliegende subalpine Gelände über. Nach einer halben Stunde auf Forstwegen mit wenig Steigung wurde uns klar, dass wir zuerst um den halben Berg herumgeführt wurden, denn erst nach einer weiteren halben Stunde mit wenig Höhengewinn zeigte die Markierung nach rechts den bewaldeten Hang hinauf. An der Waldgrenze bog der Steig in Richtung auf ein kleines Hochtal ab und verlief von dort auf eine Scharte zu. Von dieser hatte man einen ersten Tiefblick in die sonnige Südwestseite des Gebirgsstockes. Zum Aufstieg hatten wir ganze drei Stunden gebraucht, die Zeitangabe unten war nicht übertrieben, denn bis auf den Gipfel schätzte ich noch eine halbe Stunde Aufstiegszeit. Er war nun schon zum Greifen nahe, aber nur durch felsiges Gelände zu erreichen, was Signe merklich abschreckte. Von dem Übergang führte der Abstieg zuerst recht steil und steinig durch jungen Strauchwald hinab Richtung Bergstation.
Dieses Wegstück wollten wir noch vor der Mittagspause hinter uns bringen. Hier oben wehte ein recht kühler Passwind, auch eine Verlockung in die sonnige Südseite abzusteigen. Im Osten war, jetzt schon in einiger Entfernung und für uns ein letztes Mal, der weiße Berg zu sehen. Zwei Tage später am Genfer See, wo man bei guter Sicht das Massiv fast von allen Orten aus sehen kann, waren die hohen Berge in Wolken gehüllt. Beim Abstieg kamen immer mehr Orte am Seeufer, zuletzt Annecy, in unser Sichtfeld, denn wir kamen nach und nach um den Berg herum. Über dem steilen Wald schwebten wieder, wie bunte Marienkäfer, die Gleitschirmflieger in der Thermik des Berges. Als wir am Abend an unserem Hotel in Veyrier ankamen, stellten wir mit einem leisen Bedauern fest, dass diese Tour sehr schön, aber auch unsere letzte in diesem Wanderurlaub war. Indes blieb uns noch ein Tag an diesem klaren blauen See, um die von oben gesehenen Orte zu besuchen und am Ufer entlang bis Annecy zurück zu wandern.
Beiderseits des Ausflusses des Sees, dem Ursprung des Fierflusses, säumen schöne Grünanlagen, Alleen und blumenreiche, malerische Partien die Ufer vor und in der Stadt. Nachdem die Fierschlucht durchflossen wurde, mündet der Fluss nach 40 km bei Seysell in die Rhone. Besonders fotogen waren die Auslagen der appetitanregenden Delikatessengeschäfte. Sehenswert sind die drei Altstadtkirchen, darunter der Dom und die mittelalterliche Burganlage.

17. Tag - Wieder am Lac Leman (Genfer See) - Kein Bedarf an Evian Heilwasser

Der Zug brachte uns in zwei Stunden an Genf vorbei nach Thonon, nahe dem Ausgangspunkt unserer Weitwanderung. Für die heilenden Wirkungen des Wassers von Evian hatten wir zum Glück keinen Bedarf. In Thonon sprudeln ebenfalls nicht weniger bekannte Mineralquellen, elf an der Zahl, 25 bis 51 Grad warm aus der Tiefe, die bei Nie-renleiden helfen sollen.Saeulen
Da wir als Folge der etwas verkürzten Weitwanderung immer noch einen Tag in Reserve hatten, beschlossen wir, diesen in und um Thonon zu verbringen. An der Uferpromenade gab es lustige, große Blumentiere wie einen Schwan und eine ganze Entenfamilie, konstruiert aus einem formgebenden Drahtgerüst und bestückt mit hunderten von bunten Topfblumen. Auf dem Weg zum Vogel- und Lagunenschutzgebiet Delta de la Drance kamen wir an dem imposanten spätmittelalterlichen Schloss Ripaille vorbei (erste Hälfte 15. Jahrhundert erbaut von Herzog Amadée 8. von Savoyen) heute auch berühmt durch den vorzüglichen Weißwein, der rund um das Schloss angebaut wird.
Es war das dritte Mal, dass wir auf unserer Wanderung am Ufer des kleinen Flusses standen, der hier an seiner Mündung ein kleines Lagunendelta als Paradies für Wasservögel gebildet hatte. Die morgendlichen Grauschleier hatten sich im Verlaufe des Tages verdichtet und die Wolken hingen am Nachmittag tief und schwer über dem See.
Wir bestiegen das Linienschiff um Punkt 17 Uhr und setzten nach Nyon am schweizerischen Ufer des Sees über. Einmal noch ergab sich ein stimmungsvoller Ausblick zurück über den dunklen See und das französische Ufer, mit zwei römischen Säulen im Vordergrund. Dann näherte sich von Genf her ein Gewitter und kündigte ein vorläufiges Ende der spätsommerlichen Wetterlage an.