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Bergsommer 2015: Helikoptereinsatz Weissmies

traumhafter Bergsommer? ... für mich nicht ...
berichtet Susanne Scheibe

Als ich gebeten wurde, einen Bericht über meinen Unfall für das DAV-Heft zu schreiben, war meine erste Reaktion: Nein – ich bin froh, dass alles hinter mir liegt - Auf der anderen Seite kann ich vielleicht andere vor solch einem Erlebnis und seinen Folgen bewahren. Also kommt jetzt ein Bericht der Ereignisse (verzeiht mir, wenn ich zwecks Verständnis ein bisschen aushole):

Seit vielen Jahren verbringen meine Tochter Lena und ich ca. drei Wochen der Sommerferien zum Bergsteigen in den Alpen – mit Auto, Zelt und ohne festes Ziel. Das ergibt sich unterwegs. War ich zu Beginn diejenige, die meine kleine Tochter ans Seil nahm, so ist es inzwischen umgekehrt. Lena studiert seit einem Jahr in Freiburg, aber unsere gemeinsamen Bergwochen sollten auch in diesem Sommer stattfinden. 2013 waren wir im Wallis auf einem schönen Campingplatz, von wo aus wir das Weissmies (4017 m) und den Dom (4545 m) bestiegen. Viele weitere schöne Gipfel liegen in unmittelbarer Umgebung, die wir aber aus Zeitmangel vor zwei Jahren nicht mehr schafften. Letztes Jahr fiel ins Wasser – also freuten wir uns auf diesen Sommer.

Wir entschieden schnell, zuerst auf unseren Campingplatz im Wallis zu fahren, um ein paar neue Ziele in Angriff zu nehmen. Nach zwei Tagen Wandern und Klettern zog es uns am 4. August nochmal aufs Weissmies, da uns die Tour, v. a. als Überschreitung so super gefallen hatte. Nach der Übernachtung auf der Almageller Hütte beleuchtete der Mond unseren frühen Aufstieg. Wir brauchten keine Lampe! Doch welch großer Unterschied zu 2013! Während wir damals schon kurz hinter der Hütte durch den Schnee stiefelten, war weit und breit kein Weiß zu sehen. Der Weg führte nur über großblockiges Geröll. Auf ca. 3700 m erreichten wir das erste steile, gefrorene Schneefeld. Direkter Weg über den Schnee oder außenrum übers Geröll? Wir entschieden uns (ich glaube sogar, es war meine Entscheidung – erster fataler Fehler!!!!!), die Steigeisen anzulegen und mit Stöcken im Zick-zack nach oben zu steigen. Den Pickel ließen wir am Rucksack (zweiter Fehler). Ich ging voraus und drehte mich am Ende zu Lena um. Dabei muss ich den Halt verloren haben, fiel hin und rutschte mit zunehmender Geschwindigkeit das eisige Schneefeld runter. Ohne Pickel hatte ich keine Chance, die Talfahrt zu stoppen. Ich erinnere mich an die näherkommenden Felsen und dachte: das war's dann wohl ... Als nächstes sitz ich inmitten der Felsen, alles dreht sich und ein Mensch kommt auf mich zu. Er redet mit mir – was, weiß ich nicht – aber ich muss auch was gesagt haben, denn er ruft meiner Tochter zu, an der ich vorbeigerauscht war und die ca. 50 m oberhalb stand: sie redet!!

Der Mensch war der Bergführer einer Gruppe, die kurz hinter uns war. Er versorgte meine stark blutende Hand und tastete mich nach Verletzungen ab. Er meinte, dass es ein Wunder sei, mich hier lebend und ohne Kopfverletzungen sitzen zu sehen, denn ich wäre mit mehreren Salti durch die Felsen geflogen. Lena war inzwischen von den Bergsteigern mit Tee versorgt worden und kam mit meinen zerbrochenen Stöcken und Handschuhen, die ich unterwegs verloren hatte, zu uns. Ich beruhigte sie mit dem Ausspruch: alles heil, lass uns weitergehen. Der Bergführer schüttelte nur den Kopf und zwang uns, umzudrehen. Er gab Lena noch seine Handynummer und die der Bergrettung. Dann machte sich die Gruppe auf den Weg zum Gipfel und wir Richtung Tal ... oder auch nicht, denn mein Kopf war zwar heilgeblieben, die Füße leider nicht. Während der ersten Schritte spürte ich noch nichts, aber dann konnte ich den linken nicht mehr aufsetzen. Der rechte schmerzte auch, aber das waren nur die Bänder. Jetzt setzte der Schock ein, ich fing an zu frieren, zitterte am ganzen Körper und bat Lena, die Bergwacht zu rufen. Sie hatte kein Netz und stieg deshalb weiter runter und ich kroch auf dem Hintern von Fels zu Fels bis zu einem Plätzchen in der Sonne. Das Folgende lass ich Lena erzählen, denn bis zum Eintreffen des Hubschraubers kann ich mich kaum an etwas erinnern. Meiner Tochter möchte ich an dieser Stelle einmal ein riesiges Lob aussprechen. Sie war zu keinem Zeitpunkt in Panik geraten. Obwohl sie den Unfall beobachtet hatte, blieb sie ruhig und überlegt (ich stell mir vor, sie wär an mir vorbeigerauscht ...).
Lena: Als ich endlich Empfang hatte, funktionierte keine der Telefonnummern der Schweizer Bergrettung. Ziemlich verzweifelt rief ich letztendlich die 112 an und landete in Italien! Wie es aussah, war ich also im italienischen Netz und hatte deshalb auch die Schweizer Bergrettung nicht erreicht. Es dauerte einige Zeit bis die Leute dort endlich jemanden fanden, der englisch sprach. Rettungshubschrauber Derjenige verband mich dann mit seinem Schweizer Kollegen, der mir wiederum eine Nummer gab, die ich in der ganzen Verwirrung und, nach wie vor unter Schock stehend, nicht abspeicherte und sofort wieder vergaß. Glücklicherweise begegnete mir genau in dem Moment jemand von der Pistenrettung in Saas Fee, der für mich seine Kollegen von der Bergrettung anrief (er hat übrigens das Foto vom Hubschrauber gemacht). Ich lief also so schnell ich konnte zu Mama zurück, um ihr mitzuteilen, dass Hilfe unterwegs ist.

Zum Glück mussten wir nicht lange auf den rot-weißen Hubschrauber warten (auf dem Felsen sitzend). Er konnte in dem steilen Gelände nicht landen, sondern setzte nur mit einer Kufe auf dem Schneefeld auf. Zwei Männer – ein Arzt und ein Bergführer – stiegen aus und der Hubschrauber flog wieder weg. Der Arzt tastete Mamas Wirbelsäule ab, die zum Glück durch den Rucksack geschützt worden war und stellte noch eine gebrochene Rippe fest. Da sie mit dem verletzten Knöchel nicht in den Hubschrauber einsteigen konnte, wurde sie in einen Transportsack gelegt und festgeschnallt.

Dann bekam sie ein Beruhigungsmittel und eine Infusion und dem Hubschrauberpiloten wurde Bescheid gegeben, dass er zurückkommen kann. Der Arzt befestigte sich selbst und Mama an dem Transportseil des Hubschraubers. Zwischen Himmel und Erde baumelnd flog er sie zur Almageller Hütte, wo die beiden erst einmal abgesetzt wurden. Dann wurde ich abgeholt und an der Hütte wurde Mama auf einer Trage in den Hubschrauber gelegt. Ich wurde nach Saas Fee gebracht, von wo ich mit dem Bus zum Campingplatz fuhr und Mama wurde ins Krankenhaus von Visp geflogen.


Schade eigentlich, dass ich den Flug unterm Hubschrauber nicht richtig genießen konnte ... Im Krankenhaus dann die Diagnose: Doppelter Knöchelbruch. Das war's dann wohl mit Bergtouren in diesem Sommer ... Ich entschied mich zur sofortigen Operation und sie setzten mir auf der einen Seite eine Platte und auf der anderen eine Schraube ein.

Zwei Tage später durfte ich wieder raus – ich konnte das Postkartenmotiv beim Blick aus meinem Zimmer einfach nicht mehr ertragen: Blauer Himmel über vergletscherten Gipfeln. Allerdings erst nach Anzahlung der Krankenhausrechnung. Sie wollten 4500 CHF! Ließen sich dann auf 2500 CHF runterhandeln. Ja, das kommt davon, wenn man keine Auslandkrankenversicherung hat ... und befindet sich außerhalb der Eurozone. Zwei Tage haben wir dann noch auf dem Campingplatz verbracht bis Lena uns zurück nach Deutschland fuhr. Da wurde sie richtig krank: Pfeiffersches Drüsenfieber wahrscheinlich als Folge des Schocks.
Meine erste Anschaffung zu Hause war ein Dreirad, mit dem ich wenigstens mobil war, bis ich den Fuß wieder belasten durfte. Jetzt kämpfe ich mit den Versicherungen ...
Fazit: Ich habe jetzt eine Ausland-Krankenversicherung!!!
Susanne Scheibe, Oktober 2015